Neurologische Untersuchung
Ziel der neurologischen Untersuchung ist die Überprüfung des Funktions- und Leistungszustandes des Nervensystems: Wie gut und wie schnell werden die Reize an das Gehirn weitergeleitet und verarbeitet?
Reflexe

Die Hirnnerven können unter anderem mithilfe der Gesichtsmimik, der Sehfähigkeit und der Augenbewegungen getestet werden.
Auch Reflexe sind Zeichen für eine funktionierende Reizweiterleitung und -verarbeitung. Sie kennen bestimmt den kleinen Gummihammer, mit denen Ihr Arzt/Ärztin den Kniescheibensehnenreflex mit einem leichten Schlag unterhalb der Kniescheibe überprüft. Dabei reagiert das Nervensystem auf einen von außen einwirkenden Reiz (den Schlag) mit einer Bewegung des Unterschenkels. Reflexe können nicht willentlich beeinflusst werden und stellen damit einen unabhängigen Indikator für die Reizleitung dar. Bedeutsam für die MS-Diagnose sind abgeschwächte, fehlende oder gesteigerte Reflexe und ein unterschiedliches Reflexverhalten der beiden Körperhälften.
Motorik
Bei der Untersuchung der Motorik werden die Muskelkraft und das Zusammenspiel der Muskeln überprüft. Die Sensibilität prüft der Neurologe über die Wahrnehmung von Berührung, Schmerz, Temperatur, Vibration und Lage. Das vegetative Nervensystem regelt unbewusst und automatisch ablaufende Lebensfunktionen wie die Atmung oder die Verdauung. Die Untersuchung des vegetativen Nervensystems erfolgt durch genaues Erfragen der Blasen- und Darmfunktion, durch Beobachtung der Atmung und eine Kreislaufuntersuchung.
Psychischer Befund
Auch die psychische Befindlichkeit spielt bei der Diagnose eine wichtige Rolle. Dazu überprüft der Neurologe die Bewusstseinslage, die Orientierung sowie die Konzentrationsfähigkeit, Merkfähigkeit und die Stimmungslage des Patienten.
Untersuchung von evozierten Potenzialen
Als „evozierte Potenziale“ bezeichnet man Nervensignale, die nicht durch körpereigene Vorgänge ausgelöst werden, sondern durch einen äußeren Reiz. Im Rahmen der Untersuchung evozierter Potenziale wird gemessen, wie schnell verschiedene sensible oder sensorische Reize zu einer messbaren Antwort im Gehirn führen. Mit der Aufzeichnung evozierter Potenziale können Verzögerungen oder Unterbrechungen der Informationsweiterleitung im Nervensystem festgestellt werden. Im Falle der MS gehen solche Unterbrechungen auf die Schädigung der Myelinscheidewand (der Isolierung der Nervenleitbahnen) zurück.
Mithilfe der evozierten Potenziale können einerseits Veränderungen der Nervenbahnen nacgehwiesen werden, die noch nicht zu erkennbaren Symptomen oder Behinderungen geführt haben. Anderseits können Veränderungen in den Nervenbahnen auch dann noch über die evozierten Potenziale erfasst werden, wenn sich die Symptome schon längst wieder zurückgebildet haben oder sogar viele Jahre zurückliegen.
Evozierte Potenziale werden mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) gemessen und aufgezeichnet. Bei einem EEG wird die elektrische Aktivität der Hirnzellen mithilfe von Elektroden aufgezeichnet, die an mehreren Stellen des Kopfes befestigt werden. Diese Untersuchung verursacht keine Schmerzen.
Man unterscheidet verschiedene Formen von evozierten Potenzialen:
- Mit den visuell evozierten Potenzialen (VEP) wird die Impulsleitung durch die Sehnerven gemessen.
- Akustisch evozierte Potenziale (AEP) geben dem Arzt Hinweise auf Störungen der sensorischen Bahnen im Hörnerv, auf Störungen des Kleinhirns sowie auf Störungen der zum Gehirn hinführenden (zentripetalen) Nervenbahnen.
- Bei der Messung der somatosensibel evozierten Potenziale (SSEP) werden die Berührungsempfindlichkeit bestimmter Abschnitte des Körpers, zumeist der Hände und der Füße, und deren Impulsleitung zum Gehirn gemessen.
Lumbalpunktion
Eine weitere diagnostische Untersuchungsmethode stellt die Lumbalpunktion dar. Dabei entnimmt der Arzt mithilfe einer Hohlnadel Nervenwasser (Liquor) aus dem Wirbelkanal der unteren Lendenwirbelsäule. Eine Verletzung des Rückenmarks, das weiter oben endet, und damit das Risiko einer Lähmung sind dabei ausgeschlossen. Bei einer Lumbalpunktion ist nicht einmal eine örtliche Betäubung notwendig.
Veränderungen im Liquor liegen vor, wenn Gehirn oder Rückenmark entzündet sind. Der Liquor wird im Labor auf bestimmte Kennzeichen untersucht. Man kann dadurch Störungen der Immunreaktionen im Nervensystem erkennen. Häufig findet man im Liquor MS-Erkrankter vermehrt Entzündungszellen – eine Veränderung, die allerdings eher unspezifisch ist und bei anderen Entzündungen des Zentralnervensystems ebenfalls auftreten kann. Durch den Nachweis von bestimmten Immunglobulinen – das sind spezielle Eiweißstoffe des Immunsystems – und den so genannten „oligoklonalen Banden“ können eindeutigere Hinweise auf eine Entzündung gefunden werden.
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