Mit chronischer Erkrankung oder Behinderung voll im Erwerbsleben zu stehen ist leider (noch) nicht selbstverständlich. Für Ilona Spitzenberg (58), Konzernschwerbehindertenvertreterin bei Merck, schon. Bald 35 Jahre arbeitet sie mit einem Grad der Behinderung von 70. Wir haben mit ihr gesprochen, und erfahren unter anderem, dass Behinderung kein Thema ist und nein sagen wichtig ist.

Interview mit Ilona Spitzenberg (58), Konzernschwerbehindertenvertreterin

Was umfasst Ihr Aufgabengebiet als Schwerbehindertenvertreterin (SBV)?

Die SBV sorgt dafür, dass Schwerbehinderte im Unternehmen arbeiten können und beispielsweise im Bewerbungsverfahren nicht benachteiligt werden. Wir achten darauf, dass Arbeitsplätze leidensgerecht ausgestattet sind. Wir setzen uns also für all das ein, was das Sozialgesetzbuch IV vorschreibt.

Ab wann gibt es in Unternehmen eine Schwerbehindertenvertretung?

Die Schwerbehindertenvertretung ist unabhängig von der Unternehmensgröße und richtet sich nach der Anzahl der schwerbehinderten Arbeitnehmer. Ab fünf schwerbehinderten Mitarbeitern kann eine Schwerbehindertenvertretung gewählt werden. 

Welche Anliegen werden am häufigsten an Sie herangetragen? 

In erster Linie werden wir um Unterstützung gebeten bei der Antragstellung, beispielsweise auf Anerkennung der Schwerbehinderung beim Versorgungsamt. Wir sind Anlaufstelle für alle Fragen rund um den Arbeitsplatz. Also wenn Kollegen beispielsweise ihre Arbeitszeiten verändern wollen oder Erleichterungen benötigen. Und dann sind wir auch Ansprechpartner in Bezug auf das betriebliche Eingliederungsmanagement, das wir begleiten.

Wenn Sie auf Ihre lange berufliche und persönliche Erfahrung zurückblicken: Gab es in den vergangenen 30 Jahren eine Entwicklung/Veränderungen im Umgang mit Behinderten?

Es hat sich viel getan, aber es gibt leider immer noch viele Betriebe, die lieber die volle Ausgleichsabgabe bezahlen, als Behinderte einzustellen. Die Barrieren in den Köpfen sind noch zu groß. Dem Großteil der Schwerbehinderten sieht man die Behinderung ja nicht einmal an. Und die psychischen Behinderungen durch Burnout etc. nehmen sehr stark zu. Man kann nur daran arbeiten, die Barrieren in den Köpfen wegzumachen. Und den Arbeitgebern klar zu machen, dass sie keinen Nachteil haben, sondern die behinderten Bewerber doch erst mal kennenlernen sollen.

„Sobald die Barrierefreiheit sichergestellt ist, ist auch Behinderung kein Thema mehr“

Wie können Arbeitgeber ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem ArbeitnehmerInnen mit Behinderung gut arbeiten können bzw. welche Voraussetzungen müssen gegeben sein?

Eigentlich muss nur die Barrierefreiheit sichergestellt werden. Damit sind 99 Prozent der Behinderungen abgedeckt. Dabei geht es nicht nur um eine rollstuhlgerechte Ausstattung, sondern beispielsweise darum, dass auch Hörbehinderte gut klar kommen oder die Aushänge so gestaltet sind, dass Menschen mit Sehbehinderung diese auch problemlos lesen können. Heute kann man das Arbeitsumfeld vollkommen an die Bedürfnisse der Betroffenen anpassen. Ich würde jederzeit jemanden, der taubstumm ist, in die Telefonzentrale setzen. Die technischen Möglichkeiten sind mittlerweile so gut, dass das problemlos machbar ist. 

Wie sieht eine ideale Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmern mit und ohne Behinderung aus? 

Der Idealzustand ist erreicht, wenn die Behinderung egal ist. 

Was raten Sie behinderten ArbeitnehmerInnen: Sollten diese ihre Behinderung bzw. Erkrankung offen kommunizieren? 

Das kommt ganz darauf an. Ich habe beispielsweise eine Kollegin, die zwar einen Grad der Behinderung (GdB) von 70, aber keinerlei Einschränkungen im Alltag hat. Sie muss lediglich ein bisschen bei der Ernährung aufpassen. Für sie wäre es völlig überflüssig und unsinnig die Kollegen einzuweihen, weil ihre Behinderung keinerlei Auswirkungen auf ihre Arbeitskraft hat.

Anders sah es bei zwei Kolleginnen aus, die MS haben. Sie kannten einander nicht. Bei beiden haben die direkten Kollegen aber sehr wohl gespürt, dass sie beispielsweise manchmal schlecht drauf waren. Ich habe den Kontakt zwischen ihnen vermittelt. Erst haben sie miteinander gesprochen und dann hat auch jede ihre Kollegen und Kolleginnen informiert. Von da an gab es keine Probleme mehr, weil dadurch alle nachvollziehen konnten, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung eben auch richtig schlechte Tage haben können. 

Das Zusammenleben behinderter/nichtbehinderter Menschen kann zu Konflikten führen. Was sind die häufigsten Konflikte am Arbeitsplatz?

Mit Behinderung gibt es nicht mehr oder weniger Konflikte. Und wenn die Behinderung egal ist, gibt es die gleichen Spannungen, die es in jedem Bereich gibt. Und das ist auch gut so, denn das ist gelebte Inklusion.

Seit einem Motorradunfall vor bald 35 Jahren können Sie Ihren linken Arm nicht mehr bewegen. Sie sagen, dass er Ihnen mittlerweile sogar im Weg wäre, wenn Sie in jetzt wieder bewegen könnten.

Ja, das stimmt. Er wäre mir wirklich im Weg. Ich mache seit 1982 alles einhändig: Ich schneide mein Brot, Fleisch und Zwiebeln, binde mir einhändig die Schuhe. Mir fällt wirklich nichts ein, wofür ich einen zweiten Arm bräuchte.

„Die Krankheit annehmen. Mit der Krankheit leben und nicht für sie“

Was raten Sie Betroffenen, die vielleicht kurz nach der Diagnose stehen, und noch nicht so weit sind? 

Die Krankheit annehmen. Das ist nicht einfach und ein langer Prozess, aber der einzige Weg. Ich finde es immer faszinierend, wenn Menschen lernen, mit ihrer Krankheit zu leben, aber eben nicht für die Krankheit. Und das Umfeld ist wichtig. Es soll selbstverständlich Hilfestellung geben, aber im richtigen Moment auch „nein“ sagen. Nur so lernen die Betroffenen sich selbst zu helfen. Und der Betroffene muss lernen, nach Hilfe zu fragen – und die Kollegen müssen abwarten, bis die Frage nach Hilfe kommt. Das müssen beide Seiten lernen.

Was tun, wenn Arbeitgeber oder KollegInnen die Behinderung nicht akzeptieren? 

Da hat der Arbeitgeber das kurze Hölzchen. Kein Arbeitgeber wird jemanden aufgrund der Behinderung entlassen, denn dann bekäme er große Probleme. Und bei den Kollegen helfen oft Gespräche. Es geht ja nicht darum, dass man die Behinderung akzeptiert oder nicht, sondern darum, dass wir alle Menschen sind und miteinander umgehen müssen. Und manche haben halt eine etwas andere Gesundheit – so einfach ist das.

Was bedeutet Lebensqualität am Arbeitsplatz für behinderte & nichtbehinderte ArbeitnehmerInnen?

Das ist in der heutigen Zeit schwierig. Am wichtigsten ist, dass ich sagen kann „ich gehe gerne arbeiten“, weil der Job Spaß macht und nicht nur, dass am Ende des Monats mehr auf dem Konto ist. Und dann ist der Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit sehr wichtig. Die ständige Erreichbarkeit ist vor allem für viele junge Beschäftigte schon eine regelrechte Sucht. Was nützt es denn, wenn jemand, der gerade Urlaub in Asien macht, täglich seine Dienst-Mails checkt? 

Was können (behinderte) ArbeitnehmerInnen selbst tun, um ihre Lebensqualität am Arbeitsplatz zu verbessern bzw. zu erhalten?

Jeder sollte mehr auf sich achten und seine Kapazitäten einteilen. Aber manche Kollegen kann man nicht vor sich selber schützen. Es gibt viele junge Menschen, für die es ganz normal ist, dass sie nach einem Zehn-Stunden-Tag abends von zu Hause noch weiterarbeiten. Das hält der gesündeste Körper nicht lange durch. Die Rechnung bezahlen sie später. Darum ist es wichtig, dass alle mehr auf sich achten. Und Feierabend machen. Und Wochenende. Und bei Bedarf auch im richtigen Moment „nein“ zu sagen und im Urlaub auch nicht erreichbar sind. Das gilt für behinderte und nicht behinderte ArbeitnehmerInnen.

Wann raten Sie behinderten ArbeitnehmerInnen sich an die SBV zu wenden? 

Wenn es Fragen gibt oder Probleme. Und ich kann allen nur raten, sich an die SBV zu wenden, wenn die Betroffenen befürchten, dass ihre Behinderung Einfluss auf die Arbeit oder das Umfeld hat. Das ist vor allem bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen hilfreich. Dann werden wir aktiv, gehen in die Abteilungen und sprechen mit dem Umfeld. Das ist häufig schon der wichtigste Schritt für ein besseres Miteinander.

Herzlichen Dank für das Gespräch!