Multiple Sklerose verläuft individuell. Dennoch kommt es bei vielen MS-Patienten im Laufe der Jahre zu einer fortschreitenden Ausprägung der Einschränkungen. Die Wissenschaft erforscht diesen Aspekt verstärkt seit wenigen Jahren. Erste Ergebnisse dieser neuen Ansätze geben Anlass zur Hoffnung.

Die Krankheit der 1000 Gesichter lässt keine Voraussage über den individuellen Verlauf zu. Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Die MS muss nicht zwangsläufig schwer verlaufen.1 Auch die Forschung lässt hoffen: Wurde die Wirksamkeit einer Therapie bislang hauptsächlich daran gemessen, wie stark die Schubfrequenz gemindert werden konnte, findet mittlerweile auch die Behinderungsprogression stärker Beachtung.2 Und das lässt hoffen! Was bedeutet Behinderungsprogression genau? Progression bedeutet fortschreitende Entwicklung und Behinderungsprogression bei MS demnach die fortschreitende Behinderung im Krankheitsverlauf. Obwohl sich MS mit unterschiedlichsten Symptomen in verschiedensten Ausprägungen zeigt und im Laufe der Zeit Einschränkungen zur Folge haben kann, führt die Krankheit in nur wenigen Fällen (bei unter fünf Prozent aller Patienten) innerhalb weniger Jahre zu einer schweren Behinderung.1

Die MS-Verlaufsformen und ihre Auswirkungen

Unterschieden wird zwischen der schubförmigen und der fortschreitenden (chronisch-progredienten) Verlaufsform.3 Beim Großteil aller Patienten beginnt die Krankheit schubförmig:1 Die Symptome setzen plötzlich ein – meist ohne erkennbare Ursachen – und dauern einige Tage oder Wochen an. Zwischen den Schüben liegen mehrere Wochen, Monate oder gar Jahre.3 Der anfangs schubförmige Verlauf kann in einen fortschreitenden Krankheitsverlauf (sekundär chronisch-progredient) übergehen. Nach 10 bis 15 Jahren ist dies bei etwa 30 bis 40 Prozent der Fall. Nach mehr als 20 Jahren sind sogar bis zu 90 Prozent der Patienten davon betroffen.1 Das bedeutet, dass sich die Behinderungen nicht mehr vollständig zurückbilden und auch unabhängig von etwaigen Schüben immer weiter zunehmen. Ob und wann die Krankheit in den chronisch-progredienten Verlauf wechselt, lässt sich nicht vorhersagen.3

Bei etwa jedem zehnten MS-Patienten verläuft die MS von Anfang an fortschreitend (primär chronisch-progredient). Dabei nimmt die Behinderung konstant zu, ohne dass Schübe klar abzugrenzen sind. Diese Verlaufsform tritt hauptsächlich bei Menschen mit einem späteren Krankheitsbeginn ab 40 Jahren auf.3 Dies liegt vermutlich an der verminderten Fähigkeit des Gehirns ab diesem Alter, die entstanden Nervenschädigungen wieder zu reparieren.4

Behinderungsprogression als Kriterium für die MS-Forschung

Bei jeder MS-Studie wird die Wirksamkeit einer Therapie auch anhand der Behinderungsprogression gemessen. Die Basis hierfür bildet der EDSS-Wert (Expanded Disability Status Scale), dem ein Skalensystem zur systematischen Erfassung der Behinderung von MS-Patienten zu Grunde liegt.5 Da dieser Wert unter den heutigen Medikamenten über Jahre stabil bleibt und sich Therapiefortschritte damit nur schwer erfassen lassen, werden zudem im MRT nachweisbare Befunde mit berücksichtigt. Bestenfalls kann keinerlei Krankheitsaktivität nachgewiesen werden: Bleibt der EDSS-Wert stabil, bleiben Schübe aus und zeigen sich keine neuen Entzündungsherde im MRT, sprechen die Wissenschaftler von NEDA (No Evidence of Disease Activity).6

Rauchen und MS

Bekannt ist, dass Rauchen die Entzündungsvorgänge im Körper fördert und deshalb bei MS unbedingt darauf verzichtet werden sollte. Studien belegen zudem, dass Zigaretten nicht nur das Risiko erhöhen, dass die MS ausbricht sondern auch die Progression beeinflussen kann. Du konntest bislang trotzdem noch nicht von den Glimmstängeln lassen? Hier kommt eine Erkenntnis, die Dir mit Sicherheit den letzten Motivationsschub liefert, um endlich rauchfrei zu werden. Denn eine im Nottingham University Hospital durchgeführte Studie belegt: Ein Rauchstopp kann die Wahrscheinlichkeit einer Progression wesentlich senken. Für jedes Jahr, das nach dem Rauchstopp vergeht, berichten die Forscher über einen Rückgang der Progression von fünf Prozent!7

MS und Menopause (Wechseljahre)

In einer Langzeitstudie mit 391 Patientinnen fanden Forscher in Boston heraus, dass es zu Beginn der Menopause oder um diesen Zeitpunkt herum zu einer schnelleren Anhäufung von Behinderungen kommt. Noch wird weiter geforscht. Sollten die hormonellen Veränderungen im Körper dafür verantwortlich sein, könnte dies ein Ansatz sein, um einen wirksamen Therapieansatz für Frauen in der Menopause zu finden.7

Impfen

In Boston untersuchten Wissenschaftler eine dem Impfen ähnliche Therapie. Dabei werden diejenigen Zellen stimuliert, die den speziellen Immunaktivitäten während einer progressiven MS-Phase entgegen wirken können. Im Tierversuch konnten dadurch die Symptome nach Beginn der Progression vermindert werden. Die Studie befindet sich in einer sehr frühen Phase, weitere Untersuchungen zum Potenzial dieser Therapie müssen abgewartet werden.7

Frühzeitige Therapie verzögert Behinderungsprogression – kann sie diese auch verhindern?

Neueste Forschungsergebnisse lassen hoffen. Die Langzeitauswertung von mehr als 500 Patienten-Daten aus einem MS-Zentrum in San Francisco (USA) zeigt, dass eine frühzeitige Therapie mit Medikamenten die Krankheitsaktivität eindämmen kann: Nach 17 Krankheitsjahren benötigt heute nur noch jeder zehnte Patient, der eine Basistherapie anwendet, eine Gehhilfe, vor Einführung der Basistherapien war es jeder zweite. Und: Mittlerweile stehen Patienten, bei denen trotz Basistherapie immer wieder Schübe auftreten, wirksamere Medikamente zur Verfügung – in zehn bis zwanzig Jahren dürfte diese Entwicklung noch weiter vorangeschritten sein. Die Forschung arbeitet weiter daran, Therapieoptionen zu eröffnen, die in den kommenden Jahren die Behinderungsprogression immer weiter aufhalten können.8 Für die Wissenschaftler überraschend war die Erkenntnis, dass nur 18,1 Prozent der Patienten, die anfangs an der schubförmigen MS litten, in einen fortschreitenden (chronisch progredienten) Krankheitsverlauf wechselten. Frühere Erfahrungen zeigen, dass ohne Behandlung mit Medikamenten mindestens doppelt so viele (36 bis 50 Prozent) eine fortschreitende Krankheitsform entwickeln würden.9

Das bedeutet: Die frühzeitige Therapie mit den heute verfügbaren Arzneimitteln wirkt sich nicht nur auf die momentane Krankheitssituation aus und reduziert beispielsweise Schubhäufigkeit, -dauer und -stärke, sondern kann zudem Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen.

Es wird stetig weiter geforscht, mit dem Ziel MS-Patienten ein Leben möglichst frei von Einschränkungen wie Rolli und Co. zu ermöglichen.