Mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung muss man nicht zwangsläufig seinen beruflichen Ehrgeiz einstellen. Manchmal können schon kleine Hilfen großes bewirken, sodass Betroffene voll durchstarten können. Was Du im Job mit MS beachten solltest und ob und wann Du Deinen Arbeitgeber unterrichten musst, erfährst Du hier.

Viele Menschen definieren sich über ihren Job. Denn Arbeit und Beruf bieten uns weit mehr als die Existenzsicherung aus eigener Kraft. Ein ausgefülltes Berufsleben kann entscheidend zur Lebensqualität beitragen. Der Job bietet die Möglichkeit, die individuellen Fähigkeiten zu entfalten, Anerkennung zu finden und soziale Kontakte zu pflegen.1 Schon deshalb ist es für viele MS-Erkrankte keine wirkliche Option bereits im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt aus dem Job auszuscheiden und ein Leben als Rentner zu starten. Auch dank der modernen Therapieoptionen schließen sich Multiple Sklerose und ein erfülltes Berufsleben keineswegs aus – und die Diagnose MS führt nicht zwangsläufig in die Berufsunfähigkeit.1 Im Gegenteil: Es gibt Menschen mit MS, die jahrzehntelang ihren Beruf ausüben, ohne dass größere Einschränkungen spürbar sind.2

Schwerbehindertenausweis und Kündigungsschutz

Bekommt man bei MS einen Schwerbehindertenausweis? Das ist allein davon abhängig, ob die Krankheit der 1.000 Gesichter bei der Antragstellerin/dem Antragsteller zu dauerhaften Einschränkungen führt. Die Diagnose MS alleine ist unzureichend.3Denn Multiple Sklerose ist keinesfalls gleichbedeutend damit, eines Tages behindert zu sein. Es gibt Menschen mit MS, die einen sehr schweren Verlauf durchmachen und irgendwann einmal auf eine Gehhilfe oder sogar einen Rolli angewiesen sein können.4

Ein Schwerbehindertenausweis wird dann ausgestellt, wenn der Grad der Behinderung mindestens 50 beträgt. Dieser Ausweis ist Voraussetzung, um behinderungsbedingte Nachteilsausgleiche zu bekommen (beispielsweise fünf Tage Urlaub zusätzlich zum Jahresurlaub oder Steuervergünstigungen). Für Schwerbehinderte gilt ein besonderer Kündigungsschutz – auch für Menschen, die einen Grad der Behinderung ab 30 haben.5Dieser besagt, dass eine Kündigung, die im Zusammenhang mit einer Behinderung steht, nicht ohne die vorherige Zustimmung eines Integrationsamtes erfolgen darf. Das heißt, dass ein Arbeitgeber zunächst einen Antrag auf Zustimmung zur Kündigung stellen muss, bevor er eine Kündigung aussprechen darf. Das gilt auch für außerordentliche Kündigungen.6

Der eigene Arbeitsplatz kann aufgrund der Behinderung beispielsweise durch häufige Fehlzeiten, dauerhaft verminderte Leistungsfähigkeit oder eingeschränkte Mobiltät gefährdet sein. Um den Arbeitsplatz zu erhalten oder einen neuen zu erlangen, kann es notwendig sein, bei der Agentur für Arbeit einen Antrag auf Gleichstellung mit schwerbehinderten Menschen zu stellen. Gleichgestellte Beschäftigte bekommen neben steuerlichen Vorteilen auch Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben nach dem Schwerbehindertenrecht und fallen unter den besonderen Kündigungsschutz.5

Beratung und Unterstützung

Erschweren gesundheitliche Faktoren die Berufsausübung, können Maßnahmen der beruflichen Teilhabe in Anspruch genommen werden, um die Probleme zu beseitigen oder zu verbessern. Und zwar völlig unabhängig vom Grad der Behinderung oder der Anerkennung einer Schwerbehinderung. Diese Maßnahmen können beispielsweise bestimmte Hilfsmittel, finanzielle Unterstützung für den Arbeitgeber, Hilfe zur Fortbildung oder Umschulung sein. Auch Zuschüsse zur Anschaffung eines Autos können dazu gehören. Erst wenn trotz dieser Hilfen die Berufstätigkeit nur noch teilweise oder gar nicht mehr möglich ist, sollte die Beantragung einer (Teil-)Erwerbsminderungsrente in Betracht gezogen werden.7
Bei Fragen oder Unsicherheiten scheue Dich nicht und suche Dir möglichst frühzeitig Rat und Unterstützung. Für allgemeine Informationen legen wir Dir die Broschüren der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) ans Herz, beispielsweise „Aktiv im Beruf“ oder „Gleiche Chancen trotz MS“. Sie bieten gut aufbereitete und verständliche Informationen und damit Antworten auf die wichtigsten Fragen. Gezielte Informationen zu Themen wie Leistungen zur Teilhabe und Kündigungsschutz findest Du in der folgenden Liste von Anlaufstellen, die wir der Broschüre „Aktiv im Beruf“8 entnommen  haben:

Agentur für Arbeit

Aufgaben: Berufsberatung und Berufsfindung, berufliche Eingliederung, Leistungen zur Teilhabe
Kontakt: Örtliche Arbeitsagenturen oder www.arbeitsagentur.de

Deutsche Rentenversicherung

Aufgaben: Leistungen zur Teilhabe
Kontakt: Örtliche Beratungsstellen oder www.deutsche-rentenversicherung.de

Integrationsamt

Aufgaben: Kündigungsschutz für Schwerbehinderte, Leistungen zur Teilhabe 
Kontakt: www.integrationsaemter.de

Deutsches Studentenwerk

Aufgaben: Beratung für behinderte Studierende
Kontakt: www.studentenwerke.de

Was muss mein Arbeitgeber wissen?

Von sich aus muss man weder eine chronische Krankheit, noch eine festgestellte Schwerbehinderung mitteilen. Fragt der Arbeitgeber gezielt danach – etwa im Vorstellungsgespräch – ist man verpflichtet seine Erkrankung oder Behinderung zu erwähnen. Jedoch nur sofern diese sich negativ auf das konkrete Arbeitsverhältnis auswirkt – wenn also die im Arbeitsvertrag festgelegte Leistung aufgrund der Krankheit oder Behinderung nicht erbracht werden kann oder die Gefahr besteht andere zu gefährden. Dass bestimmte Einschränkungen durch einen MS-Schub eintreten könnten, darf hingegen verschwiegen werden. Denn es ist ja ungewiss, ob der Schub überhaupt eintritt.5 Wer seinem Arbeitgeber bislang nichts von einer bestehenden Schwerbehinderung erzählt hat, jedoch eine Kündigung erhält, sollte dies innerhalb von drei Wochen schleunigst nachholen. Andernfalls verliert die oder der Betroffene den Sonderkündigungsschutz. Auch den Antrag auf Gleichstellung sollte man innerhalb dieser Frist stellen.9 

Prinzipiell solltest Du Dir gut überlegen, ob Du die MS wirklich für Dich behalten willst und Dir damit unnötig Druck auflasten möchtest. Wenn Du offen über Deine Erkrankung und mögliche Einschränkungen sprichst, kannst Du Dir das Verständnis und die Unterstützung von Kollegen und Chefs sichern. Mut machende Beispiele und Tipps für Arbeitnehmer und insbesondere Arbeitgeber findest Du in der DMSG-Broschüre „Mein Mitarbeiter hat MS – Ein Leitfaden für Arbeitgeber“. Bedenke, dass viele Unsicherheiten in Bezug auf chronische Erkrankungen oder Behinderungen aus Unwissenheit entstehen. Wenn Du Dir Sorgen über die Reaktion Deines Arbeitgebers machst, nimm doch einfach die Broschüre mit ins Gespräch und setze der Unsicherheit Fakten entgegen.

Tipps aus der Praxis von Schwerbehindertenvertreterin Ilona Spitzenberg

Ilona Spitzenberg ist Schwerbehindertenvertreterin bei Merck KGAa und arbeitet seit fast 35 Jahren mit einem Grad der Behinderung von 70. Im Interview erklärt sie, auf was Menschen mit MS bezüglich des Themas Kündigungsschutz achten sollten.

Welche Tipps haben Sie für chronisch kranke/behinderte Arbeitnehmer, deren Arbeitsplatz in Gefahr ist?

Die größte Rolle spielt, aus welchem Grund der Arbeitsplatz in Gefahr ist. Wenn ein Betrieb beispielsweise durch Umstrukturierung 200 Arbeitsplätze abbauen muss, sind alle Arbeitsplätze in Gefahr – die von behinderten und nicht behinderten Arbeitnehmern gleichermaßen. Und zwar so lange, bis die 200 Arbeitsplätze abgebaut sind. Für mein Verständnis ist das deshalb kein spezifisches Problem von Behinderten, das kann uns alle treffen.

Wie können sich betroffene chronisch kranke/behinderte Arbeitnehmer wehren, die (noch) nicht unter den besonderen Kündigungsschutz fallen?

Ich kann allen Menschen mit einer Behinderung, deren Grad der Behinderung noch unter 50 ist, nur raten, sich an ihre Schwerbehindertenvertretung zu wenden und beraten zu lassen. Es gibt beispielsweise die Möglichkeit, einen Antrag auf Gleichstellung zu stellen, um schwerbehinderten Menschen in Bezug auf den Kündigungsschutz gleichgestellt zu sein.

Haben Sie einen Rat für Menschen mit Behinderung, die momentan keinen festen Job haben, aber gerne wieder arbeiten möchten?

Ich sehe viele Bewerbungen von schwerbehinderten Kandidaten und finde es sehr erschreckend, wie wenig qualifiziert die Bewerber oft sind. Es ist sehr schade, dass die Leute nicht genug für sich und ihre Zukunft tun. Also runter vom Sofa, am Ball bleiben und sich ständig weiterbilden. Versuchen, die Anforderungen von Wunschjobs zu erfüllen. Dann haben Bewerber mit Handicap sogar einen Vorteil bei der Bewerbung, denn sie müssen zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

Können sich auch schon Bewerber an die Schwerbehindertenvertretung eines Unternehmens wenden?

Ja, sobald eine Bewerbung von einem Menschen mit Schwerbehinderung vorliegt, wird die Schwerbehindertenvertretung eingeschaltet. Wir sind dann auch beim Vorstellungsgespräch dabei oder beim Telefoninterview zugeschaltet – sofern der Bewerber dies wünscht – und entscheiden mit über eine Einstellung oder Absage.

Manchmal kann der erlernte Beruf nicht mehr ausgeübt werden. Wer kann bei der Umorientierung helfen und unterstützen?

Wer noch im Job ist, kann sich als erste Anlaufstelle an die Schwerbehindertenvertretung wenden. Bei längeren Ausfallzeiten greift das betriebliche Eingliederungsmanagement. Ansonsten kann man sich an die Auskunfts- und Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung wenden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!