Robert Carswell, Jean Martin Charcot und Thomas Rivers – diese drei Männer haben einen großen Beitrag zur Entdeckung und Erforschung der Multiplen Sklerose geleistet. Was genau jeder einzelne herausgefunden hat und welche aktuellen Entwicklungen es hinsichtlich MS gibt, haben wir hier für Dich zusammengefasst.

Am 23. April heißt es: raus aus den Alltagsklamotten und rein in den Laborkittel. Denn am Welttag des Labors hast Du die Möglichkeit, deutschlandweit Einblicke in medizinische Labore zu bekommen. So kannst Du Dich dort beispielsweise über die Arbeit und die einzelnen Berufe von Labormitarbeitern informieren und erfahren, welches medizinische Rätsel sie schon gelöst haben. Mehr Infos dazu gibt es hier

Vor 150 Jahren wurde auch das Mysterium um MS in einem, genau genommen zwei Laboren entdeckt. Was genau die Forscher herausgefunden haben und wie die Geschichte der Multiplen Sklerose seitdem vorangeschritten ist, haben wir für Dich in den wichtigsten Etappen der MS-Geschichte zusammengefasst: 

1838: MS wird entdeckt

Robert Carswell und Jean Cruveilhier führten unabhängig voneinander pathologische Studien durch, das bedeutet Studien an verstorbenen Menschen. Beide Männer entdeckten dabei ungewöhnliche Schädigungen des Rückenmarks und hielten diese in Form von Zeichnungen fest. Robert Carswell veröffentlichte seine Darstellungen kurz vor Jean Cruveilhier – damit beschrieb er als erster die Erkrankung Multiple Sklerose.1

1849: Die klinische Geschichte der MS beginnt

Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nur den pathologischen Befund von Multiple Sklerose – es lag bisher nur untersuchtes, durch die MS krankhaft verändertes Gewebe, vor. Durch Friedrich von Frerichs änderte sich dies. Er veröffentlichte seine Arbeit „Über Hirnsclerose“ und beschrieb darin charakteristische Symptome der MS wie das Augenzittern. Frerichs entdeckte, dass MS auf Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen des Gehirns haben kann.2

1863: Erste Schritte in der Ursachenforschung

Fast 15 Jahre nachdem Friedrich von Frerichs erstmals charakteristische Symptome der MS beschrieb, lieferte Eduard von Rindfleisch erste Hinweise zu der Ursache der Erkrankung. Er stellte fest, dass Entzündungen im Hirn zu den Nervenschäden bei Multiple Sklerose führen.3

1868: Anerkennung als eigenständige Krankheit

Jean Martin Charcot gelang der Durchbruch in der MS-Geschichte. Er schaffte die Verbindung zwischen den pathologischen Befunden sowie den mysteriösen Beschwerden der Patienten. Charcot erstellte die erste ausführliche Arbeit zu MS unter dem Titel „Histologie de la Sclérose en plaques“.4 Durch seine Arbeit wurde Multiple Sklerose als eigenständige Krankheit anerkannt.

1878: Bedeutung des Myelins

Bereits 1854 wurde Myelin erstmals von Rudolf Virchow beschrieben. Er entdeckte die „eigentümliche Substanz“ bei der Untersuchung von Lungengewebe.5 Louis-Antoine Ranvier fand 24 Jahre später heraus, dass Myelin die Schutzschicht der Nervenfasern ist. Myelin windet sich spiralförmig um die Nervenfasern herum, sodass Nervenimpulse schnellstmöglich weitergegeben werden können.6

1913: Zuverlässige Diagnose

Mithilfe einer Lumbalpunktion gelang die erste sichere Diagnose von MS. Auch heute ist die Untersuchung, bei der Nervenwasser entnommen und auf MS-typische Zellen getestet wird, ein fester Bestandteil bei der Diagnosestellung.1

1916: Erkranktes Gehirngewebe

Bisher war das Ausmaß von MS im zentralen Nervensystem für Wissenschaftler nicht sichtbar. James Dawson lieferte schließlich hierzu die erste umfassende und eingehende mikroskopische Beschreibung. Er zeigte, wie sich die Gewebeeigenschaften in einem von MS betroffenen Nervenbereich verändern können.7

1933: Beweis der Fehlregulierung des Immunsystems

Thomas Rivers wies mittels Experimenten an Tieren nach, dass MS eine Autoimmunerkrankung ist. Dafür injizierte er Mäusen Zellen, die gegen körpereigenes Myelin sensibilisiert waren. Bei den Tieren kam es daraufhin zu einer MS-ähnlichen Erkrankung.1

1944: Die Demyelinisierung wird entdeckt

Derek Denny-Brown stellte schließlich fest, dass beschädigte Nervenfasern den Nervenreiz nicht mehr weiterleiten können. Er schloss daraus, dass die so genannte „Demyelinisierung“ Blockaden bei der Weiterleitung von Nervenimpulsen hervorruft.8

1954/55: Erste Diagnosekriterien

Erste präzise Diagnosekriterien für MS wurden definiert. Außerdem schritt die Entwicklung von quantitativen Verfahren zur Klassifizierung der Behinderung voran.7

1960: Entzündungshemmende Therapie

Körpereigene entzündungshemmende Substanzen wie Kortison kamen zur Behandlung bei MS zum Einsatz. Auch heute werden kortisonhaltige Präparate noch zur Therapie des akuten Schubes genutzt.1

1978: Einzug des CTs

Um die Läsionen im zentralen Nervensystem von MS-Patienten sichtbar zu machen, setzten Ärzte die Computertomografie ein. Ein großer Fortschritt in der Diagnostik und Verlaufsbeurteilung von Multipler Sklerose war damit getan.7

1981: Bessere Bildgebung

Mit Hilfe von Kernspintomografen konnte eine deutlichere Darstellung der Entzündungsherde von MS erzielt werden. Ian Young führte die Technik, die die MS-Diagnose revolutionierte und auch heute noch Verwendung findet, mit seiner Arbeit ein.8

90er: Neue Therapien

Es kam zu einem großen Fortschritt in der MS-Therapie. Bereits seit 1970 wurden sogenannte Immunsuppressiva (Medikamente, die das Immunsystem in seiner Funktion unterdrücken) zur Langzeitbehandlung von MS eingesetzt. Jetzt erweiterten zahlreiche neue Präparate dieser Klasse die Reihe der Behandlungen.8 Im Zuge dessen brachte die Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe (MSTKG) für alle deutschsprachigen Länder erstmals Therapieempfehlungen heraus. Sie wurden zuletzt 2010 überarbeitet und haben bis heute Gültigkeit.8

2000er: Die McDonald-Kriterien werden eingeführt

Eine Expertengruppe um Ian McDonald erstellte ein neues Diagnoseschema, das unter den McDonald-Kriterien bekannt wurde. Auch heute wird dieses noch genutzt, um den Verdacht einer Diagnose zu bestätigen. In den folgenden Jahren kam es zur Einführung von neuen immunmodulatorischen Therapien. Jetzt konnten auch schwere Verläufe der MS besser behandelt werden.8

2010: Orale Therapien

Neue Therapieoptionen für die Behandlung von MS wurden zugelassen. Es kamen drei verlaufsmodifizierende Behandlungen auf den Markt, die oral eingenommen werden.9 Für manche Patienten stellte dies eine Verbesserung ihrer Therapiesituation dar. Denn die Tabletten konnten von ihnen einfach ohne Arztbesuch eingenommen werden. Heute wird weiterhin daran geforscht, die Therapie zu vereinfachen und Patienten zum Beispiel durch wirksame Substanzen in Tablettenform lange therapiefreie Zeiten zu ermöglichen. Solltest Du darüber mehr erfahren wollen, sprich mit Deinem Arzt.

Heute: Bedarf nach Freiheit und Selbstbestimmtheit

Für die  Behandlung von MS stehen heute so viele Medikamente zur Verfügung wie nie zuvor. Allerdings zeigt sich: Die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten schränken die Betroffenen, vielleicht auch Dich, im Alltag oft stark ein. Viele MS-Patienten belasten die häufigen Arztbesuche, die mit der Therapie einhergehen.10 Auch die tägliche oder mehrmals wöchentliche Medikamenteneinnahme beziehungsweise Anwendung und Nebenwirkungen stellen die Betroffenen immer wieder vor Herausforderungen.10 Infolge wünschen sich viele eine Therapie, die selten und einfach einzunehmen ist, um ihr Leben möglichst frei und selbstbestimmt gestalten zu können.10 

Um den Betroffenen schnellstmöglich diese Therapien bieten zu können, tauschen sich Forscher regelmäßig aus, zum Beispiel über Therapieansätze. Informationen zu aktuellen Entwicklungen findest Du beispielsweise hier. Derzeit diskutieren Forscher auf dem AAN-Kongress über den aktuellen Forschungsstand in Boston. Im Juni treffen sie sich für weitere Gespräche auf dem EAN-Kongress in Amsterdam. Wir können also gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse sie veröffentlichen werden.