Kunst mit dem Körper – Tanzen – machen neun Frauen aus Potsdam und Umgebung einmal die Woche zusammen. Und das schon seit acht Jahren. Das Besondere daran: So unterschiedlich diese neun Frauen sind, die größte Gemeinsamkeit ist ihre Diagnose – alle neun haben Multiple Sklerose. Angefangen hat alles in einer Selbsthilfegruppe. Dort hatte vor acht Jahren eine Tanztrainerin angeklopft, die auf der Suche nach tanzfreudigen MS-Patientinnen war. Die Trainerin hatte Großes mit den Damen vor. Von Anfang an sei eine Tanzaufführung geplant gewesen, erzählt Sybille Gutsch. Die 56-Jährige ist von der ersten Stunde an dabei. 

Erst Lampenfieber, dann die Welt vergessen

Ob es nicht viel Mut gebraucht hätte, um sich auf die Bühne zu stellen? „Das ist ein Prozess gewesen, wir sind da alle reingewachsen. Anfangs haben wir uns nicht darum gerissen aufzutreten. Und beim ersten Training war die Aufführung noch so weit weg. Es hat uns sehr geholfen, dass wir so viel positives Feedback bekamen. Wenn uns jemand im Training besucht hat und später gesagt hat: ‚Das ist toll, was ihr macht, ihr müsst da weiter machen’, hat uns das unheimlich motiviert“. Die Gruppe hatte ein Jahr intensiv für den ersten Auftritt trainiert. Dann kam der große Tag: 300 Menschen im Publikum und die Tänzerinnen bei noch geschlossenem Vorhang auf der Bühne: „Mir war so schlecht, ich dachte, ich muss hier wieder runter. Dann ging der Vorhang auf, die Musik erklang und ich habe alles um mich herum, ich habe die ganze Welt vergessen und getanzt. Das war absolut irre“, erzählt Sybille Gutsch. Danach sei klar gewesen, dass die Gruppe weitermacht und auch unbedingt in die Öffentlichkeit will. 

Momentan ist die Gruppe auf der Suche nach einer Trainerin. „Wir hatten schon drei Trainerinnen. Das hört sich nach einem großen Verschleiß an, dem ist aber nicht so“, sagt Sybille Gutsch. Persönliche Gründe, berufliche Veränderung, ein Umzug in eine andere Stadt – immer fiel der Abschied auch den Trainerinnen schwer. Die Gruppe hat dennoch profitiert, weil mit jedem Wechsel neue Impulse kamen. „Das klingt so abgedroschen, aber ich glaube ganz fest daran: Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“, erzählt Sybille Gutsch und ist gespannt, wo die Reise für die Gruppe hingeht. Momentan werden sie aus der Ferne trainiert: Die Trainerin wohnt in Süddeutschland, ist leider nur alle paar Wochen in Potsdam. Darum gibt sie den Pangea-Tänzerinnen Übungen auf, die die Tänzerinnen in Eigenregie umsetzen. Momentan klappe das gut, aber langfristig sei wieder eine Unterstützung vor Ort das Ziel.

Jeder kann tanzen

Die Botschaft der Tänzerinnen: „Jeder kann tanzen und jeder ist Teil der Gesellschaft, egal welches Handicap er oder sie hat. Es bedarf keiner besonderen Begabung, um am künstlerischen Leben teilzuhaben. Wir wollen Lebensfreude ausstrahlen und träumen von einer Welt ohne Barrieren.“ So kommt die Gruppe auch zu ihrem Namen Pangea unique dance e.V.: Pangea ist der Urkontinent – denn lange vor unserer Zeit hingen noch alle Landmassen der Erde zusammen. Eine Welt ohne Barrieren, davon träumen die Pangea-Tänzerinnen. Barrieren gebe es im Alltag leider viele. Die meisten davon ließen sich leicht abbauen. Für Sybille Gutsch fangen Barrieren bei Treppenstufen und fehlenden Aufzügen in Arztpraxen und Behörden an, gehen über abgesenkte Bordsteine bis hin zu unrechtmäßig genutzten Behindertenparkplätzen. Manchmal falle ihr das Gehen schwer. Da benötige sie Parkplätze in der Nähe – die viel zu häufig aus Unachtsamkeit blockiert werden.

Von der Gehhilfe und dem Unruhestand

Noch vor zehn Jahren war Sybille Gutsch auf eine Gehhilfe angewiesen. Ihren Beruf als Lehrerin musste sie aufgrund der MS aufgeben. Dann kam das Tanzen mit den wöchentlich zwei Stunden Training. Die schöne Regelmäßigkeit: Ankommen, aufwärmen, Muskeln dehnen und später Bewegungsabläufen erarbeiten und üben, an den Stücken probieren, Musik auswählen. Das Training zeigt Wirkung, die Gehhilfe steht in der Ecke und staubt ein. „Die brauche ich nicht mehr“, sagt Sybille Gutsch und lacht. „Durch das Tanzen habe ich meine Bestimmung gefunden. Ich habe immer schon gern getanzt, schon als Kind. Und ich tanze auch jetzt noch durch das Haus. Aber die Gruppe, das Training, die Aufführungen und alles darum herum, das macht mir so viel Spaß. Ich bin positiv gefordert und auch ständig unterwegs.“ 

Die eigenen Grenzen ausloten

Ob sich durch das Tanz-Training etwas verändert habe? Der Alltag sei manchmal schwer – für alle Tänzerinnen. Beispielsweise das Einkaufen und lange Wege seien oft anstrengend. Alle Tänzerinnen haben Fatigue, aber die sei durch das Training sehr viel besser geworden. „Wir sind jetzt aufmerksamer. Gegenüber uns selbst, aber auch der Gruppe gegenüber. Wir machen ja viel zu zweit oder dritt. Und da müssen wir uns auf den Takt der anderen einstellen.“ Nach dem Training seien alle total kaputt, aber sehr glücklich. Und nach einem größeren Auftritt, der bis zu anderthalb Jahre vorbereitet werde, seien alle total ausgeknockt. „Dass wir die Möglichkeit haben zu tanzen, ist toll. Wir sind alle sehr positiv und wissen, es geht weiter.“ Sybille Gutsch verdeutlicht dies an einem Beispiel. Eine Tänzerin sei anfangs sehr pessimistisch gewesen. Habe immer nur gesehen, was sie nicht könne. Und dann, als hätte sich ein Schalter umgelegt, die Suche nach Alternativen: „Ich schaffe das so nicht, hast Du eine Idee, wie ich das machen könnte?“ So hilft sich die Gruppe und ist für einander da.

Frei und selbstbestimmt: aus der Reihe tanzen?

Die MS sei dennoch kein großes Thema. Ob mit Handicap oder ohne. Alles geht. Manchmal eben individuell. Eine Teilnehmerin sitze mittlerweile im Rolli. Bei einer Aufführung sei der selbstverständlich mit eingebaut und über die Bühne gepfeffert worden. Der kreative Umgang mit dem Thema Handicap: „Was ist schon normal? Normal ist nur, das Vorhandensein von Unterschieden zu erkennen.“ Und damit ist alles zum Thema Handicap gesagt.

Ob Tanzen Freiheit und Selbstbestimmung bedeute: „Ja! Wir wissen, was wir wollen und was nicht. Wir lassen uns treiben und sind offen für Neues. Wir haben keine Angst vor Improvisation. Für mich bedeutet frei sein, nach vorne zu schauen und bei allen Aktivitäten ich zu sein und zu bleiben – auch mit MS.“