„Die Diagnose war fast eine Erlösung“

Samira, lebenslustig und ständig auf Achse, ist Anfang 20 als ihr Körper von einem Moment auf den anderen ihre volle Aufmerksamkeit einfordert. Sie spürt starke Schmerzen hinter den Augen: „Die Schmerzen durchzuckten mich wie Blitze. Ich hatte das Gefühl, als ob ein Gewitter in meinem Kopf wütet.“ Ursache ist eine Sehnerventzündung. Ärzte äußern den Verdacht auf Multiple Sklerose. Für die junge Frau ein riesen Schock: „Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass sich mein Körper plötzlich gegen mich richtet – wir waren doch immer ein Team.“ Auf den ersten Verdacht folgt ein Jahr voller Ungewissheit. Rückblickend sagt Samira heute: „Zwischen dem ersten Ereignis der MS und der Diagnose lag ein Jahr. Das war eine sehr harte Zeit für mich. Der Verdacht war ein Schock – die Diagnose fast schon eine Erlösung. Denn damit war für mich klar: Ok, ich habe das, jetzt bekomme ich eine MS-Therapie und kann anfangen mit der Krankheit umzugehen, mit ihr zu leben.“

Ein Blog voll Zuversicht

Und das Leben mit der Krankheit hat Samira mittlerweile so gut raus, dass sie ihre Erfahrungen nur zu gerne teilt. Auf ihrem Blog schreibt sie über ihr Leben und ihren Alltag mit der MS. Damit zeigt sie quasi ganz nebenbei, wie erfüllt und lebenswert das Leben sein kann – auch mit Multiple Sklerose. Auf die Frage, warum sie mit dem Bloggen angefangen habe, antwortet sie: „Ich möchte den Blog schreiben, den ich selbst gebraucht hätte, als bei mir MS festgestellt wurde.“ Dabei möchte sie nicht nur Menschen mit MS erreichen, sondern auch deren Umfeld: „Bei meinem Blog ist es mir sehr wichtig, wieder Vertrauen und Zuversicht zu geben.“ 

Einschränken lassen durch die MS? Für Samira kein Thema: „Ich möchte so frei leben, wie ich das immer schon wollte und mir erst mal keine Grenzen setzen. Für mich bedeutet das Reisen und alles mitzunehmen, was ich kann.“ Und so zündet sie auf ihrem Blog ein regelrechtes Feuerwerk von Reiselust und Lebensfreude, um anderen Betroffenen Mut zu machen und zu einem positiven Umgang mit der Krankheit zu motivieren. 

„Man muss sich halt ein bisschen vorbereiten“

Samira hat etwas gegen Grenzen, denn diese scheinen für sie schon beinahe der Inbegriff von Unfreiheit zu sein: „Wer sich dem beugt, was andere von einem erwarten oder sich selbst zu sehr Grenzen setzt, ist unfrei.“ 

Kein Wunder also, dass sie regelmäßig ihren Rucksack packt, um etwas zu sehen von der Welt. Und wie klappt Backpacking mit MS? „Man muss sich halt ein bisschen vorbereiten, wenn man auf Reisen geht und entsprechend planen.“

Freiheit und MS?

In ihrem Freiheitsdrang spürt Samira kaum Einschränkungen durch die MS: „ Klar, wäre es toll, wenn es eine Therapie gäbe, die einem das Leben nur erleichtert und die MS bestenfalls heilt. Vielleicht gibt es die irgendwann. Bis dahin muss man eine Therapie finden, die sich an das eigene Leben anpassen lässt. Ich bin mir bewusst, dass es mir im Vergleich zu vielen anderen Menschen mit MS sehr gut geht. Ich vertrage meine Medikamente und bin flexibel genug, um zu reisen. Es gibt jedoch einen echten Bedarf und muss noch viel getan werden, um mehr Patienten ein freies und selbstbestimmtes Leben mit MS zu ermöglichen.“

Alles ok: Samira sieht rot

Von wegen rosarote Brille! So gut Samira ihre MS im Griff hat, manchmal spürt sie Unsicherheit: „Wenn ich mir unsicher bin, ob wieder eine Sehnerventzündung am Start ist, schaue ich auf einen roten Gegenstand, halte mir abwechselnd die Augen zu und vergleiche dann die Farben. Wenn ich das Rot bei beiden Augen gleich wahrnehme, ist alles in Ordnung. Bei einer Entzündung des Sehnervs sehe ich die Farbe auf dem betroffenen Auge eher lachsrosa.“

Samira wünscht sich für die Zukunft, dass sie mit ihrem Blog viele Menschen erreichen und helfen kann, mit der Krankheit besser umzugehen. Sie träumt von einer starken Gemeinschaft, die sich gemeinsam einsetzt, um mehr Aufmerksamkeit für die Erkrankung und das Leben mit MS zu schaffen. Den Grundstein hat sie mit der Einrichtung ihres Blogs im Februar 2017 selbst gelegt. Weitere Schritte sind getan und wir finden es toll, dass wir mit von der Partie sind: Danke, liebe Samira, dass Du Deine Geschichte mit uns teilst.