Prof. Dr. med. Stefan Bittner ist Leiter der Sektion Neuroimmunologie an der Universitätsmedizin Mainz. In seinem Beruf ist er mit der Erforschung und Behandlung der MS betraut. Mit ihm haben wir über neue Therapiemöglichkeiten gesprochen. 

Prof. Dr. med. Bittner, wie viele Menschen sind in Deutschland aktuell von Multipler Sklerose betroffen und wie häufig treten die verschiedenen MS-Typen auf?


Nach neuesten Zahlen leben in Deutschland ungefähr 150.000 bis 200.000 Menschen mit Multipler Sklerose. Viele Patienten sind recht jung, um die 30 Jahre alt, wobei der Anteil an Frauen überwiegt. 
Die häufigste Verlaufsform ist die schubförmige Variante, die in ungefähr 40 Prozent der Fälle nach zehn Jahren in einen schleichenden – den sogenannten sekundär-progredienten Verlauf – übergeht. Seltener ist die MS-Form, bei der von Anfang an keine Schübe auftreten, sondern sich die Erkrankung stetig verschlechtert: die primär-chronisch-progrediente MS. Etwa zehn Prozent der MS-Patienten haben diese Form, wobei im Gegensatz zur schubförmigen Variante Männer und Frauen gleich häufig betroffen sind. 

Mehr Infos zu MS und deren Phasen findest du hier.

Was hat sich für Neurologen in der MS-Therapie in den letzten Jahren verändert?

Die Multiple Sklerose ist eines der großen Erfolgsgebiete der Neurologie. Uns stehen mittlerweile ungefähr ein Dutzend zugelassener Behandlungen zur Verfügung, Tendenz steigend. Dadurch können wir die Patienten definitiv effizienter behandeln als noch vor zehn oder 20 Jahren. Am Ende des Weges sind wir allerdings noch nicht angelangt. 

Haben die neuen Therapien mit zunehmender Wirksamkeit und Effizienz auch negative Folgen?

Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass neue Behandlungen, die auch auf andere oder stärkere Art und Weise in das Immunsystem der Patienten eingreifen, zu bisher nicht bekannten Nebenwirkungen führen können: zu Infektionen oder zu weiteren Autoimmunerkrankungen. Auf der anderen Seite müssen wir uns fragen: Welche Therapie bekommt welcher Patient, zu welchem Zeitpunkt? Das heißt, uns steht eine Vielzahl von Medikamenten zur Verfügung, wir besitzen aber noch keine klaren Richtlinien. 

Wo liegen die Vorteile einer zielgerichteten MS-Behandlung?

Hilfreich für eine MS-Therapie wären sicherlich Hinweise, an denen wir ableiten könnten, welcher Patient auf welche Therapie anspricht. Diese gibt es bislang leider nicht. Allerdings werden die Behandlungsmethoden definitiv zielgerichteter, wodurch wir wiederum sehr viel über die Wirkmechanismen der MS lernen. 

Welche Rolle spielen die T- und B-Zellen bei der Multiplen Sklerose?

Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die T- Zellen zu den Auslösern gehören. Diese aktivieren weitere Immunzellen, sodass im Endeffekt fast die komplette Immunabwehr involviert ist. 
Mehr Informationen zum Ablauf der fehlgeleiteten Immunabwehr findest Du hier.

Neue Untersuchungen zeigen, dass auch die B-Zellen eine sehr wichtige Rolle bei der Entstehung von MS spielen, zum Beispiel, indem sie die T-Zellen beeinflussen, aber auch, indem sie eigene Botenstoffen, sogenannte Zytokine, produzieren. Zusammenfassend kann man sagen: T- und B-Zellen treten bei der Behandlung der MS in den Vordergrund. 

Welche Rolle spielen die Zytokine und gibt es hierzu neue Ansätze in der Forschung?

Zytokine spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und im Verlauf der Multiplen Sklerose. Auf der einen Seite kommunizieren Immunzellen über Zytokine miteinander. Auf der anderen Seite richten Zytokine auch ganz gezielt Schaden an. Für die Entwicklung von neuen Medikamenten sind definitiv die Zytokine bei der Multiplen Sklerose spannend, die gezielt die T- und B-Zellkommunikation beeinflussen. Wir haben gelernt, dass Signalstoffe, die beispielsweise bei der Rheumatoiden Arthritis weit verbreitet sind, bei MS sogar das Gegenteil auslösen können, sie zum Beispiel verschlechtern. Wir wissen mittlerweile auch ein bisschen warum und das zeigt, wie komplex das Ganze ist. 

Welche Rolle spielt es, ob eine Therapie direkt im Zentralen Nervensystem (ZNS) wirkt?

Wir können mittlerweile bei der Multiplen Sklerose das Immunsystem sehr gut beeinflussen. Sehr viele Behandlungsmöglichkeiten wirken teilweise hocheffizient darauf. Allerdings überwinden die heute zur Verfügung stehenden Therapien nicht oder nur schlecht die Blut-Hirn-Schranke, die als Barriere zwischen dem ZNS und dem Blutkreislauf dient. Gerade bei der sekundär-progredienten MS scheint es sehr entscheidend zu sein, dass wir eine Autoimmunreaktion haben, die sich vom Rest des Körpers abtrennt. Das heißt, vor allem im späteren Krankheitsverlauf haben wir Immunzellen, die sich in den Hirnhäuten ansammeln: B-Zellen, aber auch T-Zellen wirken dort lokal. Auf der anderen Seite haben wir aber Immunprozesse, die gar nichts mit denen im restlichen Körper zu tun haben. 

Das heißt: Neue Therapieansätze, die direkt im ZNS wirken, sind sehr wichtig für die Restaktivität, die wir derzeit nicht beeinflussen können. Welche Auswirkungen könnte es haben, wenn eine Therapie unmittelbar im ZNS wirkt?

Wir haben zwei Prozesse innerhalb des ZNS, die durch die Blut-Hirn-Schranke gewissermaßen abgegrenzt sind. Auf der einen Seite sogenannte Lymphfollikel, wo sich T- und B-Zellen lokal ansammeln und vom restlichen Körper getrennt sind. Auf der anderen Seite Prozesse, die ebenfalls nichts mit dem Immunsystem außerhalb des ZNS zu tun haben. Das ist ein entscheidender Punkt, den neue Therapien adressieren müssen. 

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Prof. Dr. med. Bittner über das Potenzial neuer Therapieansätze