Claudia Wittfoth kann sich noch genau an den Tag erinnern, an dem die MS sich das erste Mal bei ihr bemerkbar machte. Damals war sie mit einer Freundin im Urlaub und tanzte gerade in einem Club. Als plötzlich die Musik ausging, merkte sie, dass sie ihre linke Gesichtshälfte nicht mehr spürte. Die heute 47-Jährige dachte zunächst, ein Insekt habe sie gestochen. „Meine Beschwerden hielten aber den restlichen Urlaub an. Daher beschloss ich, direkt im Anschluss zum Arzt zu gehen.“

Das tat sie auch. An der Uniklinik in Essen traf sie auf eine junge Neurologin. „Sie hatte den richtigen Riecher. Aufgrund meiner Symptome und meines Alters ordnete sie die Tests für Multiple Sklerose an. Alle waren negativ bis auf das MRT. Hier sah man deutlich, dass ich viele Entzündungen hatte, die bereits weit fortgeschritten waren.“

Das Bild vom Rollstuhl

Die Diagnose war für Claudia Wittfoth ein Schock. Da sie bisher immer gesund und auch fit war, glaubte sie, dass die Ärzte etwas verwechselt hätten. „Ich musste sofort an eine Kollegin denken. Sie war von einen auf den anderen Tag nicht mehr bei der Arbeit. Es hieß, sie sei schwer an MS erkrankt. Als sie nach langer Zeit wiederkam, holte sie nur noch ihre Sachen ab – und das im Rollstuhl. Das war das Bild, was ich von Multiple Sklerose im Kopf hatte und mich in Schrecken versetze.“

Nachdem die Essenerin realisiert hatte, dass es sich doch um keine Fehldiagnose handelte, verbrachte sie die kommenden zwei Wochen „wie unter einer Glocke“. Dann suchte sie das Gespräch mit Verwandten und Freunden. „Ich bin von Anfang an sehr offen mit meiner Erkrankung umgegangen. Am Anfang habe ich vor allem mit meiner Schwester gesprochen. Sie hat meine Diagnose von allen am meisten getroffen. Auch meine Freunde waren sehr geschockt.“

Zeit für Therapie

Zu Beginn ihrer Erkrankung entschied sich Claudia Wittfoth, keine Basis-Therapie zu beginnen. „Ich fühlte mich überfordert. Da sich mein Schub mithilfe einer Kortison-Behandlung vollständig zurückgebildet hatte und es mir wieder gut ging, fand ich mich in meiner Entscheidung bestätigt.“ Über ein Jahr hielt ihr guter Zustand an. Dann traten bei der Kommunikationswissenschaftlerin gleich drei Schübe in relativ kurzer Zeit hintereinander auf. „Meine Ärztin sagte, dass ich jetzt etwas tun müsste und das sah ich auch ein. Also startete ich mit einer Basistherapie.“ 

Alltag mit regelmäßiger Kontrolle

Auch heute wird sie mit dieser noch behandelt. „Ab und zu spüre ich die MS. In den vergangenen zwei bis drei Jahren hatte ich so immer mal wieder latenten Schwindel und leichte Konzentrationsschwierigkeiten. Aber ich bin schubfrei, dank meiner Behandlung.“ Genau diese hat Claudia Wittfoth gut in ihren Alltag integriert. Trotzdem bereiten ihr die regelmäßigen Kontrollen mittlerweile Unbehagen. „Es ist nicht schön, wenn man immer wieder zum Arzt gehen muss, obwohl es einem gut geht. Sobald man die Praxis betritt, fühlt man sich krank.“

Meckern will Claudia Wittfoth aber nicht. Denn sie weiß, dass es anderen Betroffenen sehr schlecht geht. Ihr ist außerdem bewusst, welch großer Luxus es ist, dass sie ihr Leben so leben kann, wie sie es tut. Und dazu gehört vor allem das Laufen. 

Laufen als Selbsthilfe

Bereits vor ihrer MS-Erkrankung joggte Claudia Wittfoth leidenschaftlich gern. Doch erst die Multiple Sklerose führte dazu, dass sie weitere Strecken lief. So nahm sie nicht nur an Marathons teil, sondern begeisterte sich auch für Ultra-Marathons. Und bei all ihren Läufen lernte sie darüber hinaus auch noch viele neue Menschen kennen, die heute ihre Freunde sind. „Beim Laufen ist es egal, woher man kommt, welchen Status man hat oder ob man dünn ist oder dick. Das liebe ich daran. Außerdem hilft mir das Joggen dabei, meiner MS weniger Raum zu geben.“

Auch anderen MS-Patienten empfiehlt Claudia Willroth das Joggen. „Es muss keiner und es kann auch nicht jeder so laufen wie ich. Aber ausprobieren kann man es ja mal. Und wenn Laufen nicht das Richtige für einen ist, gibt es noch genügend andere Sportarten, die man testen kann. Wichtig ist, dass man sich nicht isoliert und unter Leute geht.“ Claudia Willroth rät anderen Betroffenen außerdem, Dr. Google nicht um Rat zu fragen. Denn sie sagt, es kann bei MS alles passieren – muss es aber nicht.