Die Kraft aus der Ruhe schöpfen

Portrait von Heike Wildangel, MS-Schwester des Jahres 2013
Aufgezeichnet von Susanne Plaßmann und Maximilian Dorner

Wenn ihr Mann mit Ziege und Hund zusammen spazieren geht, ist das für die Bewohner des Dorfes jedes Mal eine Sensation. Dabei gehören Tiere für Heike einfach mit dazu, um runterzukommen und um anzukommen bei sich. Katzen, Ziege und Hund sind lebendiger Teil der Familie, genau wie Kinder und Enkel.
Heike selbst arbeitet seit zwanzig Jahren in einer Klinik, erst als Schwester und jetzt als Pflegedienstleitung. Jeder ihrer Patienten ist in einer anderen Phase der Verarbeitung der Krankheit. Und deswegen möchte sie sich die Zeit nehmen, um für jeden genau das Richtiger zu finden. Sie kennt das aus der Aromatherapie. Da hat sie gelernt, dass jeder Mensch seinen ganz speziellen Geruch braucht, um sich wohlzufühlen.
Unlängst traf sie auf einen jungen Patienten, der noch mit seiner Diagnose kämpfte. Er war mit seinem Schicksal absolut nicht im Reinen. Dem hat Heike ein ganz eigenes Parfüm aus verschiedenen Düften zusammengestellt. Jedes Mal, wenn es ihm nicht gut ginge, solle er mit geschlossenen Augen daran riechen, um wieder zu sich zu kommen, trug sie ihm auf. Um so in sich zu entdecken, wer er eigentlich jetzt sei. Auch mit der Krankheit. Doch um dahin zu kommen, braucht es manchmal Zeit, und die muss man sich nehmen. Mit Ungeduld kommt man nicht weiter bei so einer Krankheit.
Ruhe finden ist für sie das Wichtigste, auch im Umgang mit einer Krankheit. Aber das geht nur, wenn man ihr auch den nötigen Raum einräumen kann, jenseits aller pflegerischen Zwänge. Das erhofft sie sich auch für alle Mitarbeiter, damit die Krankheit MS einen Ort bekommt, in dem man sich ihr öffnen kann, von allen Seiten.
Und was wünscht sie sich für sich? – Das wäre dann ein kleiner Hof, um dort Alpakas zu halten, um sogar eigene Wolle zu spinnen. Einen riesigen Kräutergarten gäbe es auch. Aber der ist für die Alpakas natürlich verboten!