Ein ganz normaler Tag

Ich erwache. Kurze Bilanz der Nacht (Haben meine ruhelosen Beine mich schlafen lassen?) und ebenso kurzer Check auf Verkehrstauglichkeit  sowie die Frage der Zentrale an alle Unter-Abteilungen „Wo zwickt´s heute?“. Manchmal ist jetzt schon klar, das wird heute nix.

Nur nicht unterkriegen lassen. Also aufstehen und ab in die Küche. Die erste Tablette will nüchtern zu Mami. Wasser an den Hals gesetzt, einen großen Schluck und der Tag kann beginnen. Oder doch noch ein halbes Stündchen hinlegen? Ist ja noch Zeit…

Willi, der treueste Begleiter seit Aufnahme des Nervenfressers in mein Leben, mein Trigeminusschmerz, meldet sich. „Moin Willi“, sage ich im Stillen „Ich weiß, dass du noch da bist. Kannst gerne wieder verschwinden!“.

Dann geht´s in den Wellness-Tempel. Es folgen Dusche und Ganzkörper-Salbung. Lotion gegen trockene Haut und eventuell Schmerzgel auf den rechten Arm. Der wird nämlich gelegentlich ein Tennisarm. Freilich ohne, dass das irgendetwas mit dem Taufpaten zu tun hätte. Tennis spiele ich nämlich schon seit gefühlten 25 Jahren nicht mehr, aber das spielt hier keine Rolle. Also weiter im Text: Vor dem Spiegel Augentropfen rein (die Augen sind durch mein Leben mit dem Nervenfresser ständig trocken). Ich creme mein Gesicht, werfe den Bademantel über und brauche erst mal eine Sitzpause. Nun folgt ein kurzes, richtiges Frühstück. Schließlich braucht´s für die Herausforderungen des beginnenden Tages eine anständige Grundlage. Mittendrin die zweite Tablette, damit ich nicht von der Fatigue niedergerungen werde.

Frühstück beendet, was folgt ist ein erneuter Gang in den Wellness-Tempel zu letzten Dekorationsarbeiten, ankleiden, aufrüschen (oder umgekehrte Reihenfolge) und Abfahrt ins Büro.

Dort angekommen, wird während der PC hochfährt, Tee gekocht und es folgt:

Die nächste Tablette. Diesmal wird Willi gefüttert, damit er möglichst ruhig bleibt. Kann sein, dass jetzt bereits Augentropfen nachgelegt werden müssen. Manchmal auch erst später, an guten Tagen vielleicht gar nicht. Die erste Hälfte des Arbeitstages nimmt ihren Lauf.

Mittags kommt die Rückfahrt nach Hause, das Mittagessen (Achtung! Nicht vergessen! Auch hierbei sind zeitweilig Tabletten, auf alle Fälle aber Tropfen, einzunehmen). Anschließend wird auch in der Filiale der PC hochgefahren, damit die zweite Schicht beginnen kann (ich habe einen Telearbeitsplatz). Während dessen nehme ich die nächste Tablette zur Vervollständigung der Tagesdosis gegen die Fatigue. Kurze Durchsicht durch die elektronische Post, Telefon auf Anrufbeantworter schalten und das nun dringend erforderliche kurze Nickerchen fordert seinen Raum. Der Wecker ist gestellt. Danach erhebe ich mich und starte die Nachmittagsschicht.

Am frühen oder späteren Abend folgt bisweilen ein Termin beim Arzt, Psycho- oder Physiotherapeuten. Nur selten gibt es das nicht.

Nach der Rückfahrt von dort kommen Abtakeln, eine Nasendusche und ab und zu ein wenig Nasensalbe zur Anwendung (auch da ist alles trocken).  Dann das Abendessen und anschließend Fernsehen. Und nun geht es im Zeitraffer weiter:

20.55 Uhr            zwei Tabletten gegen ungewollte Spritzenwirkung

21.15 Uhr            Willi will sein Abendbrot (zweite Tagesdosis des Willi-Beruhigers)

21.45 Uhr            das Mittel gegen ruhelose Beine will genommen werden

22.00 Uhr            die Spritze wird gesetzt (dreimal die Woche)

Danach ist die Tagesschachtel leer gefuttert. Also ab in die Küche und die Ration für morgen parat legen. Eine Tablette zum Frühstück wird heraus genommen. Die anderen sind in der Schachtel mit der Fächereinteilung und entsprechender Aufschrift „morgens, mittags, abends, nachts“. Damit nix schief geht, steht an deren Schmalseite auch noch der Wochentag.

23.00 Uhr            Bettruhe

Und am nächsten Morgen „Täglich grüßt das Murmeltier“. Oder, um es mit einem bekannten Kinderlieder-Sänger zu sagen: „Aber dann, aber dann fängt das ganze schon wieder von vorne an…“

Der Nervenfresser fordert Aufmerksamkeit und Disziplin. Soll er haben, so lange daneben noch genug Raum für den ganz normalen Wahnsinn bleibt.

Ich stelle nur fest, das Diktat der Medizin fordert Platz: In der Küche gibt es inzwischen ein ganzes Arsenal an Schachteln, Behältnissen für die Wochenration und den Spritzen-Sammelbehälter. Im Wellness-Tempel immer mehr Tuben, Dosen und so weiter…

Wenn das so weiter geht, brauche ich bald eine größere Wohnung…

 

Illustrationen 012