Feind oder Freund? Krankheit als Konfliktpartner

Nach der MS-Diagnose zog sich unsere (Gast-)Autorin Insa Popken weitgehend aus dem Berufs- und Kulturleben zurück und kümmerte sich fast ausschließlich um ihre Großmutter. Als die alte Dame nach drei Jahren starb, stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte. Eine Rückkehr in den alten Beruf war nicht möglich. Auf der Suche nach einer Tätigkeit, in der die verbliebenen Kräfte und vorhandenen Fähigkeiten Anwendung finden könnten, entschied sich Insa Popken schließlich für eine Fortbildung zur Mediatorin. Während des Seminars begann sie sich mehr und mehr für die Frage zu interessieren, inwieweit die Methoden zu Konfliktbewältigung, Verhandlung und Übereinkunft für den gesellschaftlichen und persönlichen Umgang mit Krankheit anwendbar wären. Das ließ sich natürlich nur am eigenen Leib ausprobieren.

Für BLOGHAUS MS lässt Insa Popken uns exklusiv an diesem Selbstversuch teilhaben und freut sich über jeden Kommentar.

Teil I Wahrheiten

„Wie würden Sie einen Konflikt definieren?“

Ich sitze in der Fortbildung „Mediation und Konfliktberatung“ und schweige auf diese Frage. Ich schweige nicht etwa, weil mit nichts dazu einfiele. Ich schweige auf diese Frage, weil in mir gerade alles miteinander streitet und ich deshalb zu beschäftigt bin, um mitzureden.
Wir sind eine Gruppe von etwa 14 Menschen und haben gerade die Vorstellungsrunde hinter uns gebracht. Natürlich haben wir uns dabei darauf konzentriert zu erklären, warum wir uns jeweils ausgerechnet für eine Mediations-Ausbildung entschieden haben. Da sind Lehrer und Lehrerinnen, Personalabteilungsleiter, Versicherungsagenten, Sozialpädagoginnen, Anwälte … und ich. Bei allen leuchtet es sofort ein, warum in ihrem Beruf Kenntnisse über Konfliktverhalten und Methoden zur Schlichtung sehr nützlich wären. Ihre Lebensläufe schimmern für mich alle ungebrochen, führen gradlinig in dieses Seminar und ebenso gradlinig wieder hinaus. Dieses Bild habe ich. Und angesichts dieses Bildes, klafft die Lücke in meinem Lebenslauf plötzlich wie eine hässliche Grube im glänzenden Asphalt. Ich schäme mich ein bisschen. Natürlich habe ich gewusst, dass dieser Moment kommen würde und mir sehr genau überlegt, wie ich ihn einigermaßen schmerzfrei hinter mich bringen könnte. Habe entschieden, meine Krankheit nicht zu benennen, sondern von „gesundheitlichen Gründen“ zu sprechen, die mich dazu bewogen hätten, mich aus dem Theaterleben zu verabschieden und mich familiären Aufgaben zu widmen. Habe geübt, das wie einen leichten Entschluss klingen zu lassen, so als hätte es eine große Auswahl gegeben und als hätte ich ohnehin die Schnauze voll gehabt von meinem alten Leben. Nicht alles davon ist eine Lüge. Es ist nur ordentlich frisiert.

Alle hörten mir freundlich und anteilnehmend zu. Ich vermeinte ein ganz leichtes Erschrecken bei manchem zu erkennen, als ich bei den „gesundheitlichen Gründen“ angelangt war. Und Erleichterung, dass ich es dabei beließ. Dass ich jetzt in diesem Seminar sitze, behauptete ich, hätte damit zu tun, dass ich nach neuen Aufgaben Ausschau hielte. Und dass ich eine angeborene Begabung hätte, was Vermittlung und Schlichtung beträfe, weswegen mir das Tätigkeitsfeld der Mediation sehr gefalle. Dann kam der Nächste an die Reihe und der Streit in mir begann: Ich hatte natürlich nichts davon gesagt, dass ich mich möglicherweise ab und zu mal würde hinlegen müssen. Dass ich eventuell zu starke Schmerzen hätte, um lange Zeit auf einem Stuhl zu sitzen.
Und dass ich nach drei Jahren „gesellschaftlicher Auszeit“ eine Heidenangst vor dem habe, was kommt.
Und schon gar nicht hatte ich erwähnt, dass ich grundsätzlich jedem Konflikt, der mich selbst betrifft, so weiträumig wie nur möglich ausweiche.
Dafür verachte ich mich nun wiederum – und da ist sie wieder, die bekannte Mischung aus Scham und Verachtung, die einen großen Teil meines Selbstgefühls ausmacht. Schon lang. Ein bisschen zu lang.
„Ein Konflikt ist, wenn zwei oder mehr Wahrheiten sich nicht gegenseitig gelten lassen können.“, höre ich mich sagen.

Wo sind Eure Konflikte? Wie weicht Ihr ihnen aus? Oder wie gelingt es Euch, diese zu lösen?
Bin gespannt auf Eure Gedanken, Anregungen und Kommentare

Im Teil II meiner kleinen Mediations-Reihe geht es übrigens um Vermittlung. Mehr dazu gibt´s in knapp 2 Wochen hier im Bloghaus-MS.

Über die Gastautorin:

Insa Popken  -  Photo: RiebeInsa Popken wurde 1974 als Tochter eines Seelotsen und einer Dolmetscherin geboren. Sie wuchs in der ostfriesischen Seehafenstadt Emden auf, wo sie auch heute wieder lebt. Das Erfinden und Erzählen von Geschichten scheint ihr seit frühster Kindheit als die wichtigste Beschäftigung überhaupt. So entschied sie sich nach dem Abitur für ein Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Giessen und arbeitete danach in verschiedenen Funktionen am Theater, so unter anderem am Bremer Theater und am HAU, Berlin, aber auch in Projekten in England und der Schweiz.

2006 wurde bei ihr, während der Arbeit an einer Theaterproduktion in Berlin, Multiple Sklerose diagnostiziert. Zu dieser Zeit lebte sie so wie sie es scheinbar immer gewollt hatte: Aufregend, atemlos, pausenlos. Aber hatte sie das wirklich immer gewollt? Die Ärzte rieten ihr dringend „sich zu verändern“ – nur: Was sollte das heißen? In den folgenden Jahren ließ sie sich auf dieses Abenteuer ein: Anders zu leben, eine andere zu werden. Sie vollzog einen radikalen Wechsel der Lebensumstände und betreute in den nächsten Jahren vor allem ihre Großmutter, die an Demenz erkrankt war. Seit deren Tod 2009 widmet sich, neben kleinen Ausflügen in kulturelle Abenteuer, ihrer Lieblingstätigkeit: Dem Schreiben. Ihr Debütroman „Die Umarmung des Boxers“ erschien im Juni 2013 im Romanverlag der StuberMediaGroup