Ist die Lunge an der Entstehung der MS beteiligt?

Göttingen (sr) – Autoimmunerkrankungen wie die Multiple Sklerose (MS) werden durch Immunzellen ausgelöst, die sich gegen das eigene Gewebe richten. So gelingt es den Immunzellen MS, in das Nervengewebe einzudringen und dort zerstörerische Entzündungen zu verursachen. Das gesunde Gehirn ist praktisch frei von jeglichen Immunzellen, da das Nervensystem vom übrigen Körper durch spezialisierte Blutgefäße, die Blut-Hirn-Schranke, abgeschottet ist, die den Übertritt dieser Zellen aus dem Blut verhindern. Warum die Zellen diese körpereigene Schranke bei der MS überwinden und scheinbar mühelos in das Hirngewebe eindringen können, war bislang unklar. Ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Dr. Alexander Flügel, Direktor der Abteilung Neuroimmunologie und Leiter des Instituts für Multiple-Sklerose-Forschung (IMSF), hat herausgefunden: Die krankmachenden Immunzellen müssen diesen Schritt erlernen. In diesem Lernprozess richten sie sich komplett neu aus. Sie stellen die Zellteilung ein und drosseln die Produktion von Eiweißen. Stattdessen werden sie auf „Wanderung“ programmiert: Sie bilden auf ihrer Oberfläche kleine „Antennen“ aus, die ihnen ermöglichen, sich zu orientieren und sich an Zellstrukturen festzuhalten. Sie werden beweglicher und lernen effizient Gefäßbarrieren wie die Blut-Hirn-Schranke zu durchbrechen.Wo im Körper findet nun die Wanderungsprogrammierung der krankmachenden Immunzellen statt? Hier haben die Forscher eine überraschende Antwort gefunden: Das Lungengewebe ist der Ort, wo die entscheidenden Schritte in Richtung Wanderungsprogrammierung der krankmachenden Immunzellen stattfinden.Die direkte Bedeutung der Befunde für die MS-Erkrankung bei Menschen liegt in der möglichen Auslösung von Krankheitsschüben z. B.  durch Infektionen der Atemwege. So entdeckten die Wissenschaftler potentiell krankmachende Immunzellen, die als sogenannte „Gedächtniszellen“ in der Lunge verweilen. Nach einer lokalen Reizung werden die „schlafenden“ Zellen aktiv: Sie wandern in das Gehirn ein und könnten dort einen MS-Schub auslösen bzw. zum Fortschreiten der Krankheit beitragen.Quelle: Pressemitteilung der Universitätsmedizin Göttingen vom 06.09.2012