Ist sterile Kuhmilch ein Risikofaktor für Multiple Sklerose?

Chania (sr) – Hinweise darauf, dass Veränderungen des Lebenstils Einfluss auf die Entstehung einer Multiplen Sklerose (MS) haben könnten, haben Forscher um Dr. Dimitra Kotzamani von der Universität Chania gefunden.Über 30 Jahre beobachteten die Forscher unter der Bevölkerung der griechischen Insel Kreta die Veränderung von einem eher ländlich geprägten Lebensstil zu einer industriell-urbanen Lebensweise. In diesem Zeitraum beobachteten sie einen deutlichen Anstieg der MS-Häufigkeit von 1,5 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner zwischen 1980 und 1984 auf das Doppelte bei Männern und sogar auf das Vierfache bei Frauen. Am stärksten ausgeprägt war dieser Effekt bei Frauen, die in den Städten lebten bzw. im jüngeren Alter vom Land in die Stadt gezogen waren.Bei der Suche nach den Ursachen für diesen starken Anstieg stießen die Forscher auf bestimmte Ernährungsgewohnheiten. Hier zeigte sich unter anderem ein Wechsel von frischer Ziegenmilch auf pasteurisierte Kuhmilch. Dieser Wandel begann zunächst in den Städten, dehnte sich mit der Zeit aber immer mehr aufs Land aus, so dass auch dort heute kaum noch Ziegenmilch getrunken wird. Von den heutigen MS-Kranken und den gleichaltrigen Kontrollpersonen hatten 35 Prozent in ihrer Kindheit Ziegenmilch bekommen, bei ihren Eltern waren es noch 86 Prozent.  11% der Kontrollpersonen tranken als Erwachsene noch gelegentlich Ziegenmilch, aber nur 4,5% der MS-Patienten.Ziegen- und Schafmilch entsprechen von ihrer Proteinzusammensetzung her weit stärker der Milch von Frauen als Kuhmilch, schlussfolgert Dr. Kotzamani in ihrem kürzlich in der Zeitschrift „Neurology“ erschienenen Artikel. Zudem gebe es Hinweise, dass bestimmte Eiweiße in der Kuhmilch denen des Myelins, der Isoliersubstanz der Nervenzellen, ähneln und daher Fehlreaktionen des Immunsystems begünstigen könnten. Außerdem gebe es Untersuchungen, nach denen die in frischer Milch enthaltenen Keime die Darmflora günstig beeinflussen und das Immunsystem modulieren. Dieser protektive Effekt falle bei pasteurisierter Milch weg.Quelle: Ärztezeitung, 31.05.2012, Kotzamani et al., Neurology, published online before print 16. Mai 2012