MS als ungebetener Mitbewohner

Teil II. meiner Reihe: Vermittlung möglich?

„Ein Konflikt kann entstehen, wenn zwei oder mehr Wahrheiten sich nicht gegenseitig gelten lassen.“ Mit diesem Satz, der zu interessanten Kommentaren führte, endete ich meinen letzten Beitrag. Heute geht es weiter.

Also: „Wenn zwei oder mehr Wahrheiten sich nicht gegenseitig gelten lassen … entsteht Konflikt“

Kommt es deshalb zu unversöhnlichem Streit, hat unsere „moderne“ Gesellschaft mehrere Lösungen parat, die uns möglichst davon abbringen sollen, uns gegenseitig die Türen oder gar Köpfe einzuschlagen – sprich: in den Krieg zu ziehen. In den meisten dieser Lösungen geht es darum, einen „Unbeteiligten“ entscheiden zu lassen: Den Polizisten, das Gericht … das Amt. Wir geben unsere Eigenkompetenz ab, an Leute, die nach „allgemeinem Recht und Gesetz“ urteilen sollen. Aber gibt das wirklich Frieden?

Die Idee der Mediation beruht auf Eigenverantwortung: Die Konfliktpartner wissen selbst am besten, was sie brauchen, um „Frieden zu finden“. Mit der Unterstützung eines unparteiischen Dritten, der ihr Gespräch moderiert, sie daran erinnert konstruktiv und lösungsorientiert zu denken, finden sie eine umsetzbare und nachhaltige Lösung, um mit unabänderlichen Tatsachen umzugehen.

In meiner Fortbildung spielen wir also einen Schulungsfall durch: Frau X und Frau Y teilen sich ein Doppelhaus. Als Freundinnen sind sie eingezogen. Schon nach kurzer Zeit hat Frau Y sich abgeschottet und einfach aufgehört, mit Frau X zu kommunizieren. Frau X hat keine Ahnung, was passiert ist und in ihrer Verzweiflung hat sie sich an einen Mediator gewandt.
Während ich in dieser Konstruktion sämtliche Rollen wechselweise einnehme und feststelle, dass „unparteiisch sein“ nicht so leicht ist, wie gedacht und „Abstand wahren“ ebenfalls eine knifflige Sache, entsteht in mir plötzlich ein Bild, das mich gehörig von der Rolle bringt:

Teile ich nicht auch „mein Haus“ mit jemandem, der sich nicht an die Regeln hält? Und habe ich vielleicht, genau wie Frau Y, aufgehört mit diesem Mitbewohner zu kommunizieren, die Verantwortung an Ärzte abgegeben und ansonsten begonnen, ihn – wenn irgend möglich – zu ignorieren oder aber stumm zu erdulden?

Ja – die MS ist ein unanständiger Mitbewohner, weil er sich selbst nicht zeigt. Niemand kann sagen, woher er kommt, was ihn bewogen hat einzuziehen (denn schließlich hat ihn niemand eingeladen, oder?) und was er eigentlich braucht, um sich in eine „annehmbare“ Lebensgemeinschaft zu integrieren. Worüber kann man mit so einem Mitbewohner verhandeln … und vor allem: Wer kann da neutral vermitteln?

Ob ich etwas von meinem Mediations-Lehrbuchwissen auf mein Leben übertragen konnte, erfährt Ihr in meinem nächsten Beitrag.

Bis dahin freue ich mich auf rege Diskussionen

Eure Insa

Über die Gastautorin:

Insa Popken  -  Photo: RiebeInsa Popken wurde 1974 als Tochter eines Seelotsen und einer Dolmetscherin geboren. Sie wuchs in der ostfriesischen Seehafenstadt Emden auf, wo sie auch heute wieder lebt. Das Erfinden und Erzählen von Geschichten scheint ihr seit frühster Kindheit als die wichtigste Beschäftigung überhaupt. So entschied sie sich nach dem Abitur für ein Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Giessen und arbeitete danach in verschiedenen Funktionen am Theater, so unter anderem am Bremer Theater und am HAU, Berlin, aber auch in Projekten in England und der Schweiz.

2006 wurde bei ihr, während der Arbeit an einer Theaterproduktion in Berlin, Multiple Sklerose diagnostiziert. Zu dieser Zeit lebte sie so wie sie es scheinbar immer gewollt hatte: Aufregend, atemlos, pausenlos. Aber hatte sie das wirklich immer gewollt? Die Ärzte rieten ihr dringend „sich zu verändern“ – nur: Was sollte das heißen? In den folgenden Jahren ließ sie sich auf dieses Abenteuer ein: Anders zu leben, eine andere zu werden. Sie vollzog einen radikalen Wechsel der Lebensumstände und betreute in den nächsten Jahren vor allem ihre Großmutter, die an Demenz erkrankt war. Seit deren Tod 2009 widmet sich, neben kleinen Ausflügen in kulturelle Abenteuer, ihrer Lieblingstätigkeit: Dem Schreiben. Ihr Debütroman „Die Umarmung des Boxers“ erschien im Juni 2013 im Romanverlag der StuberMediaGroup