Neue Hypothese zur Entstehung der Multiplen Sklerose

München (sr) – Trotz intensiver Forschung in den vergangenen Jahren ist nur wenig über die Entstehungsmechanismen der Multiplen Sklerose (MS) bekannt. Diskutiert werden Umweltfaktoren, vor allem virale Infektionen, ebenso wie der Vitamin-D-Spiegel im Blut und die Sonneneinstrahlung. Außerdem scheinen genetische Veränderungen, also Veränderungen in der Erbsubstanz DNS der Patienten beim Krankheitsgeschehen eine Rolle zu spielen. Nun wirft eine Anfang Juli in der Fachzeitschrift Nature publizierte Studie des Oxforder Immunologen Prof. Lars Fugger, an der auch deutsche Wissenschaftler beteiligt waren, ein neues Licht auf die genetischen Ursachen der MS. Die Wissenschaftler entdeckten bei MS-Patienten auf einem Genabschnitt eine Veränderung, die zu einer Variante des sogenannten TNF-Rezeptors-1 (TNF-R1) führt. Diese Variante tritt bei MS-Patienten auf, jedoch nicht bei Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis oder der Schuppenflechte. Die Hypothese der Forscher lautet nun: Durch diese Veränderung wird TNF-R1 in die Lage versetzt, den im Gehirn aktiven Tumornekrosefaktor-Alpha (TNF-Alpha) zu binden. TNF-Alpha ist als wichtiger Botenstoff an der Steuerung von Entzündungsreaktionen im ganzen Körper beteiligt. Die Hemmung des TNF-Alpha durch TNF-R1 könnte so die Autoimmunreaktionen bei der MS-Erkrankung erklären.„Diese Rezeptorvariante ist spezifisch für MS-Patienten und darum Ansatzpunkt für die Entwicklung verbesserter Therapien“, erklärt Professor Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik an der Ruhr-Universität Bochum, der mit seinem Team an der Studie beteiligt war.Befunde aus den DNS-Banken der MS-Patienten, die in der Prof. Golds Klinik behandelt wurden, zeigen identische Resultate und untermauern somit diese neuen Studiendaten. „Im klinischen Alltag stellen wir fest, dass Medikamente, die TNF-Alpha antagonisieren, nur bei der Multiplen Sklerose, aber nicht bei anderen Autoimmunerkrankungen zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufes führen“, berichtet Professor Gold. Diese Erkenntnisse zeigen, dass TNF möglicherweise ein sinnvoller Ansatzpunkt in der MS-Therapie ist.Quelle:  Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 8. Juli 2012