Neurologen raten von einer Aufdehnung der Halsvenen als MS-Therapie ab

München (sr) – Tausende Multiple-Sklerose-Patienten setzten in den vergangenen Jahren ihre Hoffnung in eine Verbesserung des Blutflusses ihrer Halsvenen – offenbar ohne wissenschaftliche Grundlage, wie Ergebnisse einer aktuelle Studie von Dr. Anthony Traboulsee von der University of British Columbia in Vancouver nahelegen.

Die Theorie, Multiple Sklerose werde durch eine Verengung der blutableitenden Venen im Hals- und Brustbereich mitverursacht, ist schon seit einiger Zeit äußerst umstritten. Nun zeigt eine aktuelle Studie, dass diese relativ simple Erklärung der komplexen Multiplen Sklerose nicht zutreffen kann. In der von kanadischen Studie, die in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde, wurden erstmals systematisch die Venen im Hals- und Brustbereich von 79 MS-Betroffenen, 55 nicht erkrankten Geschwistern und 43 gesunden Probanden mittels Katheter-Venographie, dem Gold-Standard für die Diagnose von Venenstauungen, untersucht. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass eine „chronische zerebrospinale venöse Insuffizienz“ (CCSVI), wie sie ursprünglich vom italienischen Gefäßchirurgen Paolo Zamboni definiert wurde, selten ist und nicht häufiger vorkommt als bei Personen ohne MS. Die Wissenschaftler fanden mit der Katheter-Venographie die von Zamboni genannten Merkmale für eine MS-relevante venöse Stauung gleichermaßen bei 2 % der MS-Betroffenen und ihren nicht erkrankten Geschwistern. 3 % der Gesunden erfüllten die Kriterien ebenfalls. Eine Blutabfluss-Störung ist demnach bei nicht von MS betroffenen Personen genauso häufig wie bei MS-Patienten. Somit kann eine solche Venenstauung nicht die Ursache der Erkrankung sein. Auch in Deutschland dürfen Ärzte die Erweiterung der Halsvenen als Therapie bei Multipler Sklerose (MS) als Selbstzahlerleistung anbieten. „Ihr Leidensdruck hat viele MS-Patienten dazu veranlasst, sich die Halsvenen dehnen zu lassen, um eine echte oder vermeintliche Stauung aufzulösen. Auch wenn dies für versierte Ärzte eine Standardintervention ist – die Deutsche Gesellschaft für Neurologie muss deutlich davon abraten, da ein Effekt auf den Verlauf der MS-Erkrankungen nicht zu erkennen ist“, sagt Professor Ralf Gold, Vorstandsmitglied des Neurologenverbands und Mitautor einer ebenfalls aktuellen Literatur-Auswertung zu diesem Thema, die zum gleichen Ergebnis kommt.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressemitteilung vom 18.11.2013