Über Behindertenausweise

Meine Nichte ist neun Jahre alt und hat seit nun sechs Jahren Diabetes I und Epilepsie. Seit einiger Zeit liegt nun auch ein Schwerbehindertenaussweis vor. Da sie demnächst öffentliche Verkehrmittel nutzen soll, ist nun die Überlegung,wie man so ein Thema und einen stark mit Vorurteilen belegten Begriff am besten bespricht. Haben Sie eine Idee, wie man so etwas mit einem Kind besprechen kann? Was hat Ihnen dabei geholfen diesen Begriff positiv in Ihr Selbstbild zu integrieren? Susanna

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Als ich meinen ersten Schwerbehindertenausweis abholte (mit dem grimmigsten Foto, das je von mir gemacht wurde), hat mich vor allem ein Wort schockiert: „unbefristet“ stand da mit dicken, schwarzen Buchstaben. Schnell habe ich den Ausweis in meinem Geldbeutel versteckt und die erste Zeit nicht heraugeholt.

Mittlerweile habe ich die Vorzüge kennengelernt, mehr noch, sehe darin eigentlich nur noch Vorzüge. Gerade bei genervten Autofahrern auf Parkplatzsuche kann man sich als Mitfahrer überaus beliebt machen, wenn sie mit einem endlich dort parken können, wo sie sonst sofort abgeschleppt würden. Inzwischen sind meine Freunde so weit, dass sie auf einem vollkommen leeren Parkplatz auf der Suche nach der Stellfläche für Behinderte eine halbe Stunde herumkurven. Ich weise sie dann sanft lächelnd darauf hin, dass sie sich auf auf einen normalen Parkplatz stellen dürfen. Es gibt keine Verpflichtung, behinderter zu sein, als man ist. – Aber all das braucht seine Zeit, viel Zeit. Und Rückschläge gehören dazu. Jeder Vergünstigung macht einen besonders. Ich kann gut nachvollziehen, dass einem das besonders schmerzhaft bewusst wird, wenn man – wie in Jugendzeiten – alles daran setzt, um nicht aufzufallen. Gerade dann finde ich es wichtig, dass um einen herum nicht auf irgendwelchen Begünstigungen bestanden wird. Dann zahlt man eben auch mal den vollen Preis für eine Kinokarte. Bis sich alle an den Ausweis gewöhnt haben. Und man kann den Ausweis auch mal zu Hause lassen, wenn man sich an einem Tag nicht danach fühlt. Denn lebensfähig ist man auch ohne! Ein Schwerbehindertenausweis ist kein Stempel, der einem auf die Stirn tätowiert wird, sondern eine Hilfestellung. Und die darf einen nicht strangulieren. Aber wenn man dann damit das erste Mal mit der Tante in ein sonst ausverkauftes Kino kommt, beginnt man ihn vielleicht zu schätzen …

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 11. Juli. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de