Über die Angst der Gesunden

Es wäre gut, sich auch einmal damit auseinanderzusetzen, dass es „oft eine große Schwierigkeit darstellt, wie sehr die MS auch Nicht-Betroffenen Angst macht. Das wäre für mich ein wichtiges Thema, das klar über die MS hinausgeht, das ich jedoch sehr viel im Umgang mit ‚Gesunden’ erlebe.“ – So schrieb Hedi in einem Kommentar zur letzten Meditation.

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Wenn man krank Schrägstrich behindert ist, hat man immer doppelt zu tun, wenn es um Angst geht. Man muss sich mit der eigenen beschäftigen: mit Gegenwarts- und Zukunftssorgen, mit Barrieren auf der Straße, in den Köpfen und Herzen …. Aber mindestens genauso viel muss man sich um die Ängste der Anderen kümmern. Schon allein deshalb, weil sie so ersichtlich damit überfordert sind. Da ist zunächst einmal die manchmal schon rührende Angst, etwas falsch zu machen. Sie ist deswegen rührend, weil diese Angst meistens überhaupt nicht zu den Mitmenschen passt. GestandeneTaxifahrer, resolute ältere Damen: ihnen traut man eigentlich gar nicht zu, dass sie noch Angst haben, etwas falsch zu machen. Das ist doch eigentlich mehr etwas für Heranwachsende, die sich auf dem Parkett der Welt noch nicht sicher fühlen. – Und hätte das Gegenüber keinen Rollstuhl, würde nicht schwanken oder hätte einen Gehstock, dann gäbe es diese Angst auch nicht. So als würden einen diese Hilfsmittel zerbrechlich machen. Eine falsche Bewegung und man zerspränge in tausend Scherben. Ihre Angst bezieht sich also gar nicht auf einen selbst, sondern eher auf den Rollstuhl. Aber den kriegt man so schnell nicht kaputt!

Das Gegenteil ist der Fall. Man wird härter, mit diesen Hilfsmitteln. Sich selbst gegenüber und anderen, einfach deshalb, weil man viel Kraft und Energie dafür einsetzen muss. Man kann sich Angst gar nicht mehr in dem Ausmaß leisten. Not macht stark und schwach gleichzeitig. – Ich bin mir sicher, dass die Angsthäschen das eigentlich sehr genau wissen, sich aber dem Gefühl der Hilflosigkeit auch gerne hingeben, weil es immer einfacher ist, Angst zu haben, als sein Hirn einzuschalten. Die Hilfsbedüftigkeit von Kranken Schrägstrich Behinderten ist meist mit ein bisschen Verstand zu überblicken: Da geht es um die Überwindung einer Stufe, ums Einkaufen, ums Blumen gießen – lauter Dinge also, vor denen man eigentlich keine Angst haben muss. Kurz und gut: Ihr braucht keine Angst vor uns haben!

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 27. Juni. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de