Über Gerechtigkeit 2

Was bedeutet Gerechtigkeit für einen Menschen mit einer chronischen Krankheit? In einer dreiteiligen Reihe macht sich Maximilian Dorner Gedanken über eine Frage, die sich jeder irgendwann einmal stellt: Ist das gerecht?

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Manche wollen einem einreden, nicht selten man selbst, dass Krankheiten die Quittung für irgendetwas wären. Dass es also doch so etwas wie eine übergeordnete Gerechtigkeit gäbe. Mir hat, ganz zu Beginn, als das Laufen immer schwerer fiel, eine Bekannte gesagt: „Siehst du, dein Körper möchte dir zeigen, nicht immer so ungeduldig zu sein.“ Daraufhin habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Ist ein Rollstuhl eine gerechte Strafe für Ungeduld? Oder nicht doch etwas überzogen? Krankheiten, Behinderungen, der Tod sind nie angemessen. So viel kann man gar nicht falsch gemacht haben.

Mir wurde schon oft unterstellt, dass mich eine Frage umtreiben müsste: „Warum gerade ich? Und nicht …“ – Nein, diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Das hieße doch auch, dass es eine angemessenere Verteilung des Leids geben könnte. Vielleicht gleichmäßig auf alle Menschen: Heuschnupfen für alle, dafür kein schweres Rheuma für wenige. Oder aber Krankheiten als Ersatz für Haftstrafen: eine Milchunverträglichkeit für alle Schwarzkonteninhaber. Und für die besonders schweren Fälle obendrauf noch eine Weizenallergie.

Was lehrt einen also dieser völlige Mangel an Gerechtigkeit? Demut? Das Annehmen dieser Ungerechtigkeit? Vielleicht auch nur, sich bestimmte Fragen nicht zu stellen? Muss ich endlich aufhören, mich zu vergleichen? Vielleicht sollte ich mich einfach nicht so wichtig nehmen.

Es ist seltsam, dass diese Ungerechtigkeit den von ihr Getroffenen oft ins Schweigen treibt, während soziale Ungerechtigkeiten andere laut werden lassen. Gegen soziale Ungerechtigkeit lässt sich zumindest theoretisch angehen. Darüber lässt sich debattieren, agitieren oder eine Revolution anzetteln. Mehr noch: Man kann andere aufrufen, sich gemeinsam zu empören. Die Ungerechtigkeiten benennen, schreiend oder leise: Die von Menschen verursachten stiften Gemeinschaft, regen auf und an. Revolutionen führen meistens auch nicht zu mehr Gerechtigkeit, aber immerhin zu der Befriedigung, sie nicht einfach hingenommen zu haben. Sich nicht abgefunden zu haben. Genau das wird einem aber als Kranker nahegelegt: Finde dich möglichst schnell mit dieser Ungerechtigkeit ab, mach das Beste draus. Genieße trotz allem dein Leben. Wer aufbegehrt, wird nicht erschossen, sondern mit Kopfschütteln bedacht. Oder sogar mit Mitleid, eine besonders perfide Form des Ausschlusses. Ist das gerecht?

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Der dritte Teil von „Über Gerechtigkeit“ erscheint am 22. August. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de