Über Geschwindigkeiten

Kolumnist Maximilian Dorner macht seit Anfang Juli Münchens Straßen nun auch per Handbike unsicher … Lesen Sie heute seine ersten Erfahrungen mit veränderten Geschwindigkeiten.

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Die letzten sieben Jahre könnte ich wohl am besten über die sich verändernden Geschwindigkeiten erzählen, mit denen ich mich fortbewege. Es begann alles beim Joggen: Ich spürte, dass ich nicht mehr so schnell laufen konnte wie gewohnt. Als wäre irgendwo in mir eine Handbremse angezogen, und ich hätte nur vergessen, wie ich sie entsichern müsste … Dann folgte über Jahre, mit Auf und Abs die allmähliche Verkürzung der Gehstrecke, von ein paar Kilometern auf wenige hundert Meter, mit Gehstock, mit Krücken – und immer langsamer wurde ich, schleichender, schlurfender. Bis ich auf Schildkrötengeschwindigkeit angekommen war. Und schließlich das Gehen irgendwann ganz eingestellt habe. Zunächst ohne Wehmut. Zunächst.

Seitdem geht es, was die Geschwindigkeit betrifft, wieder aufwärts. Der Rollstuhl hat im Vergleich zu den Krücken schon eine extreme Beschleunigung gebracht. Nun bin ich fixer unterwegs als zu Fuß, aber immer noch deutlich langsamer als früher mit Fahrrad. (Dass ich ein Geschwindigkeitsjunkie bin, ist wohl nicht zu verbergen. Ich leite daraus auch ab, dass ich allein schon deshalb auf der Straße fahren muss und darf …) Seit Anfang des Monats habe ich ein – Muskelkater machendes – Handbike, das ich vor den Rollstuhl schnalle. Berge kann man damit zwar nicht befahren, zumindest nicht Richtung Gipfel, aber was solls! Und siehe da, wieder komme ich deutlich rasanter voran und überhole selbst schnaufende Jogger – ok, nur wenn es leicht bergab geht, aber immerhin!

Manchmal ist mir sogar so, als würde ich gleich abheben. Das erinnert mich an die Bedenken von Ärzten bei der Einführung der erste Züge. Damals dachten sie, eine gemütlich dahinschnaufende Dampflock hätte etwas Gesundheitsgefährdendes. Dabei zeigt es doch nur, wie leicht man das Gewohnte zur Richtschnur macht. Und dass der Mensch (oder der Mann, je nach Interpretation) sich in diesem Punkt kaum je zufrieden gibt. Mein Ehrgeiz jedenfalls ist erwacht.

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 25. Juli: dann der erste Teil einer Trilogie über „Krankheit und Gerechtigkeit“. Wenn Sie für den Herbst einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de