Über Stürze

Ich habe das große Glück, mit ca.30-jähriger MS-Karriere (nur mit meinem Klapp-Stock) überall hinzukommen. Aber deshalb drängt sich zu oft ein Gefühl der Normalität auf, was mich zuweilen unvorsichtig werden lässt. Gestern wollte ich einen Rest Gemüsesuppe wegschütten. Auf dem Weg zum Abfalleimer verlor ich das Gleichgewicht, knallte mit dem Kopf an den Schrank und schüttete mir die Suppe über Kopf und Körper. Nach einigen Schrecksekunden merkte ich, dass wohl alle Knochen heil geblieben waren. Ein Blick in den Spiegel ließ mich anschließend so laut lachen, wie schon lange nicht mehr: Über meinem Brillenbügel hing ein Stück Porree und mein Kopf und Körper sahen aus, als hätte ich in Soljanka gebadet. Irrgendwie kann ich ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Schicksal (oder wem auch immer) nicht leugnen.  Inka

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Es ist ja kein Zufall, dass nirgendwo so viel und spektakulär gestürzt wird wie in Komödien. Man denke nur an „Dinner for one“ oder andere Sturzfestivals im Film oder auf der Bühne. Meist lachen die Zuschauer, aber manchmal gelingt es eben auch dem Stürzenden, wie der Philosoph Schopenhauer es gefordert hat, gleichzeitig Zuschauer und Darsteller im großen Drama des Lebens zu sein. Stürzen reißt einen heraus, man fällt aus dem Bilderrahmen seiner selbst.

Für ein paar Jahre habe ich mir eingebildet, mich an jeden meiner Stürze erinnern zu können, die komischen wie die schmerzhaften. Jeder wirkte so eindrücklich auf die Psyche, dass ich ihn unverzichtbar für meine Biographie hielt. Doch auch wenn man einen Sturz im Moment des Geschehens für spektakulär hält, so sondert das Gehirn die meisten davon wieder aus. (Skifahrern und Kindern beim Fahrradfahrenlernen geht es genauso.) Übrig bleiben nur die Stürze, die einem darüber hinaus noch etwas erzählen, weil sie eine Botschaft für einen haben, wie eben die der Dankbarkeit.

Überraschend beim Stürzen finde ich immer, wie viel Zeit man hat, sich noch irgendwelche Sachen zu überlegen, während man fällt. Manchmal rechne ich den Schaden oder die Schmerzen schon hoch, bevor ich wirklich auf dem Boden gelandet bin.

Eine Ballerina hat mir einmal erzählt, dass das Stürzen auf der Bühne nicht das eigentliche Problem sei. Viel schwieriger sei es, dass der Schock einen nicht lähme, sofort wieder aufzustehen. Die Kollegen in den Kulissen zählen dann voller Genugtuung oder Sorge die Sekunden, bis man weitertanze.

Ehrlich gesagt bin ich manchmal etwas skeptisch, wenn das Stürzen auf gut amerikanische Weise glorifiziert wird. Es enden wohl genauso viele Stürze komisch wie auch tragisch. Noch mehr haben wahrscheinlich nur nervige Folgen, wenn ich an mein seit dem letzten Fall schmerzendes Sprunggelenk denke. Genau wie das Leben. Vielleicht kann man es abschließend auf diese simple, und auch irgendwie tröstliche Formel bringen: Stürzen heißt leben, und leben heißt stürzen.

Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 7. Februar. Dann über das unendliche Thema Sex. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de