Über Träume

Vor der MS hatte ich einen Traum: Ich möchte einen Porsche fahren! Ich möchte so viel Erfolg haben, dass ich mir selbst einen kaufen kann, dass ich einfach jeden Tag einsteigen kann und losfahren! Klar, nun habe ich MS, nun kann ich zumindest im Moment wenig arbeiten, nun ist alles irgendwie anders… Aber ich bin doch nicht anders, ich bin immer noch der gleiche Mensch. Darf ich noch die gleichen Wünsche und Träume haben? Alle Welt sagt mir, ich solle doch die kleinen Dinge des Lebens genießen, ich soll mich doch freuen, wenn die Sonne scheint, wenn ich im Café sitzen kann. Sicher, ich freue mich, genauso wie vor der Diagnose auch über die kleinen Dinge, aber muss ich mich von nun an darauf beschränken? Warum eigentlich? Warum darf es nichts Großes mehr sein? Ist man undankbar mit großen materialistischen Wünschen? Ines

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In meinen Träumen kann ich immer laufen. Ist das deswegen schon ein verwegener Traum? Muss ich ihn mir verbieten? Nein und noch mal nein, es gehört zur Natur von Träumen, dass sie maßlos sind. Träume müssen größer sein als die Wirklichkeit. Deswegen schreibe ich, deswegen gibt es Fortschritt. Wenn man anfangen würde, Träume zu beschränken, dann wäre alles Leben zu Ende. Genau so groß meine ich das. Nein, da gibt es wirklich nichts zu diskutieren: Träume sind Freiheit.

Aber geht es Ihnen, Ines, nicht um etwas ganz Anderes als um einen Traum? Nämlich um einen Wunsch, um ein Begehren. Konkret: um einen Porsche, ein röhrendes aber immer noch schnittiges Auto also. Um einen mit viel Leidenschaft und Erfindergeist zusammen genieteten Haufen Blech – ich bitte um Verzeihung. Das ist kein Traum, sondern ganz schön real. Und hinter der Frage, ob man sich den mit MS überhaupt wünschen darf, steht doch die viel wichtigere, ob man den Mut hätte, den Porsche auch zu fahren. Sich damit den Nachbarn, Freunden und Feinden zu zeigen. Damit für ein Wochenende an den Gardasee oder nach Sylt zu brausen, bei geöffnetem Verdeck und laut singend. Mit einem schicken Schal um den Hals und einer noch schickeren Sonnenbrille auf der Nase. Oder anders gefragt: „Darf“ ein Kranker, ein Behinderter verschwenderisch sein? „Darf“ er sein Bedürfnis nach Luxus ausleben? Auch hier ist meine Haltung radikal eindeutig. Er darf nicht nur, er soll. Ich werde nicht zeitlebens nur noch in Sanitätshäusern shoppen gehen, nur weil ich notgedrungen dort von Zeit zu Zeit einkaufen muss. Ich werde mich nicht dem Diktat des Praktischen beugen. Ich werde die dort versammelte Hässlichkeit und Trostlosigkeit nicht dadurch legitimieren, indem ich diese als Gott gegeben annehme. Insofern: Legen Sie ein Sparbuch an, überfallen Sie eine Bank (metaphorisch natürlich nur), machen Sie den Führerschein! Holen Sie sich das den Porsche, und sei es nur geliehen für einen Tag.

Leben heißt sich verschwenden.

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 12. März. Wenn Sie einen Themenvorschlag, eine Frage oder Anregung haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de