Über Welt-MS-Tage

Am 29.5. wurde zum 5. Mal der Welt-MS-Tag ausgelobt. Nicht wenige Medien haben sich verpflichtet gefühlt, etwas zum Thema beizusteuern. Zum Unwohlsin des Kolumnisten Maximilian Dorner

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Gestern war es wieder so weit: Welt-MS-Tag. Auch ich habe mich mit einem Interview für eine Beilage in der Tageszeitung „Die Welt“ daran beteiligt. Mit einigem Unbehagen habe ich vor ein paar Tagen meine Belegexemplare aus dem Briefkasten gezogen und sofort in den Altpapiercontainer befördert. Nicht, dass die Publikation so schlecht gewesen wäre oder inhaltliche Fehler gemacht hätte: Nein, was ich überflogen habe, war nur so schrecklich unentschieden. Weil die Macher nicht wirklich wissen, was sie wollen: Ein bisschen soll den Betroffenen Neues geboten werden, ein bisschen sollen sich alle Nicht-Betroffenen informiert fühlen (aber mal Hand aufs Herz: Wer will etwas über Krankheiten wissen, die er nicht hat?) und alles übergossen mit Kalenderspruchweisheiten wie: Genieße dein Leben. Amen.

Das Motto des gestrigen Tages lautete „Die Zukunft gestalten – Perspektiven für junge Menschen mit MS“. – Meine Sparkasse um die Ecke hätte es nicht besser formulieren können. Für mich klingt das immer nach Gemeindezentrum, Bastelbasar und selbstgebackenem Kuchen. Wogegen absolut nichts einzuwenden ist, wenn man Lust auf Kuchen hat. Nur erlebe ich diese Krankheit ganz anders: brutaler, komischer, radikaler, widersprüchlicher. Mehr wie ein Film von Almodóvar denn eine ARD-Vorabendserie.

Ich weiß nicht, was herauskäme, wenn man mich mit der Durchführung eines solchen Tages beauftragen würde. Wahrscheinlich auch nichts Originelleres. Diese Krankheit ist auch nur originell in ihrer Destruktivität. Dieser Widerspruch ist nicht auflösbar.

Aber beim Nachdenken ist mir wieder bewusst geworden, wie leid mir diejenigen tun, die sich berufsmäßig mit MS beschäftigen müssen. All die Funktionäre, Ärzte, Krankenkassenleute … Als Betroffener kann man auch mal sagen: Heute kann mir die Krankheit den Buckel runterrutschen, heute bin ich auch mit ihr so fröhlich und unbeschwert kindisch wie früher. Sie aber müssen jeden Tag mit diesem Tremolo in der Stimme sagen: Kopf hoch! – Und dann Welt-MS-Tage organisieren. Mein Beileid, uns allen.

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 13. Juni. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de