Über Fragilität

Jetzt kommt ja schon wieder der Herbst. Da fühle ich mich oft besonders zerbrechlich. Das ist ein komisches Gefühl. Was denken Sie? Leander

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Früher hatte ich keine Angst vor Hunden. Heute mache ich einen weiten Bogen um sie. Und das nur aus der Sorge heraus, dass mir auch ja keiner in die Hand beißt. Ein einziger Biss, und ich wäre aus dem Verkehr gezogen. Buchstäblich. Ich brauche meine Hände zur Fortbewegung. Würde eine ausfallen, käme ich nicht einmal in der eigenen Wohnng zurecht. Wie fragil mein Leben ist, wird mir deswegen jedes Mal bewusst, wenn ich einen Hund sehe. Dabei wusste ich es unbewusst ja schon immer. Es scheint fast so, als wäre auch das Wissen um die eigene Zerbrechlichkeit zerbrechlich. Es ist keine stabile Erkenntnis, sondern eine, die sich biegt und verändert. Und man weiß nie, wie zerbrechlich einen das Wissen um die eigene Zerbrechlichkeit gerade macht.

Auf manchen Kisten steht: Vorsicht zerbrechlich. – Das eine folgt aus dem anderen. Wenn etwas zerbrechlich ist, dann muss man besonders sorgsam damit umgehen, muss aufpassen. Die Zerbrechlichkeit hat ihren Preis. Und das gleich doppelt: Zerbrechliche Dinge, wie Porzellan, Gläser, sind teurer als Vergleichsgegenstände aus Plastik. Und sie fordern ihren Preis durch besondere Sorgfalt im Umgang mit ihnen. Mehr noch, ihr Wert steigt mit der Zerbrechlichkeit. Genau deswegen ist das Leben das Kostbarste, weil es so unendlich zerbrechlich ist. Ein Schritt am Abgrund, eine überfahrene rote Ampel, und schon kann das Leben zu Ende sein. Oder bei Beziehungen: ein Fehltritt, ein falsches Wort, und schon kann die Liebe zu Ende sein.

Merkwürdig, dass es fast nichts Schönes gibt, was man nicht zerbrechen kann. Oder anders formuliert: Alle Schönen Dinge sind auch zerbrechlich. Ein Schmetterling, eine Blume, ein Eiskristall. – Es könnte also gut sein, dass ich im Wert gestiegen bin, seitdem ich nicht mehr laufen kann. Und ich habe das gar nicht gemerkt!

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 17. Oktober. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de