Über Verlust

Mir tut es oft weh, wenn ich daran zurückdenke, was ich vor einem Jahr noch konnte, und was jetzt gar nicht mehr geht. Michael

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Herbst ist da, der Somer ging hin, leiser die Winde wehn … So beginnt eines der mir liebsten Lieder zur Jahreszeit. Und wirklich, kaum hat man sich einmal umgedreht, die Augen noch voller Sommer, schon fallen die Blätter von den Bäumen. Wie die sich wohl fühlen, wenn sie alles Grün verlieren? Verlust heißt immer auch, seinen Schutz preisgeben zu müssen, sein grünes Kleid. Plötzlich ist das, was einem etwas wert war, nicht mehr da. Trauernde Menschen, bestohlene, kranke, jeder von ihnen hat einen Verlust erlitten. Das Verb zeigt schon an, dass das nicht ohne Schmerz geht. Dabei schmerzt nicht nur das, was man nicht mehr hat, sondern auch die Stelle, an der etwas fehlt. An der etwas nicht mehr vollständig ist. Verlust macht einen verletzlich. Aber was ist das für ein Schmerz? Dass ich nicht mehr gehen kann, nicht mehr springen, nicht mehr schwimmen. Der Verlust von Autonomie, von Freiheit. Wie kann das sein, dass etwas nicht mehr Vorhandenes weh tut? Eigentlich schmerzt das, was noch zurückgeblieben ist: die Erinnerung an das, was man verloren hat. Man selbst ist noch da, zurückgelassen.

Wie sähe wohl ein Fundbüro aus, in dem alle Dinge, die man im Laufe des Lebens verloren hat, aufbewahrt werden? Das gäbe ein merkwürdiges Sammelsurium ab: die Sandförmchen eines Jungen. Ein bisschen weiter würden sich die Großeltern unterhalten und herüberwinken. Der Schulfreund, der sich das Leben genommen hat. All die vergangenen Lieben … Unter all den Menschen und Gegenständen sind die verlorenen Fähigkeiten gar nicht so einfach zu entdecken: die Geschicklichkeit des Jugendlichen, die Spanisch-Kenntnisse. Und nun eben auch noch alles, was mir die letzten Jahre abhanden kam. Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Funbüro lange genug aushalten würde, um alles zu inspizieren. Ich weiß nicht einmal, was ich mitnehmen würde, wenn ich drei Sachen mitnehmen dürfte. Vielleicht wäre ich wie der Baum, der das herabgefallene Laub bestimmt nicht mehr haben will, sondern lieber auf die Blätter des nächsten Frühlings wartet.

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 31. Oktober. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de