Über Würde

Eine 20 Meter lange, spiegelnde Schaufensterfront: Ich habe mir das erste Mal beim “Gehen” zugesehen.
Es sieht genauso aus, wie es sich anfühlt: jämmerlich und würdelos. Morgen muß ich wieder dort entlang”gehen”…ich brauche eine Sonnenbrille, möglichst mit schwarzen Gläsern :-) Wie bewahren wir uns Würde? H.P.

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Kann man mit Würde würdelos gehen? Solange ich es noch versucht habe, ist es mir nicht gelungen. Da gibt einem der Rollstuhl in Vergleich zu Gehstock und Krücken etwas an Eleganz zurück. (Solange ich mich nicht über Koofsteinpflaster kämpfen muss zumindest.) – Vielleicht ist es also verlorene Liebesmüh, „schön“ zu gehen, wenn man nur noch verkantet, verknotet vor sich hin schlurft. Denn sobald man sich um etwas bemüht, verkrampft man ja noch mehr. Und es sieht noch erbärmlicher aus. Nur man selbst darf übrigens über sich sagen, dass man erbärmlich aussieht. Alle anderen müssen schon aus Prinzip behaupten: Ganz so schlimm ist es nicht.

Jetzt höre ich schon einige sagen: Man kann in jeder Situation Würde haben, auch beim Schlurfen und Hinken. Sie sagen auch gerne: Es kommt auf die innere Einstellung an und solche Dinge. – Tja, das mag alles sein. Aber dann kommt man eben doch an einer Schaufensterscheibe vorbei oder an einem Ankleidespiegel, und schon zerbröselt die ganze Würde wieder. (Ein wenig tröstlich ist auch das Wissen, dass es kaum jemand gibt, der sich beim Gehen richtig schick findet …)

Ein anderer Einwand kommt mir bedenkenswerter vor: Dass mein Ekel vor dem eigenen Spiegelbild doch höchstens etwas über meine Eitelkeit sagen würde und dass Würde eigentlich erst dann überhaupt ein Thema wird, wenn sie ernsthaft auf dem Spiel steht. Und zwar richtig auf dem Spiel. Wenn es also um würdevolle Pflege geht, oder um ein würdevolles Sterben. Aus dieser Perspektive ist die Frage, ob man würdevoll Gehen kann, sehr kokett. Nichtsdestotrotz würde ich mir eine Schule der Eleganz wünschen, in der man lernt, aus der jeweiligen körperlichen Verfassug das Maximum an Eleganz und Sexyness herauszuholen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das klingt wie ein frommer Wunschtraum. Denn in Wahrheit wird sie ja dauernd angetastet. Im Kleinen wie im Großen. Deswegen lohnt es sich so, für sie zu kämpfen. Und klug seine Kräfte einzuteilen.

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Die nächste Meditation von Maximilian Dorner erscheint am 19. September. Wenn Sie einen Themenvorschlag oder eine Frage haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an: bloghaus@maxdorner.de